• Zwischen zwei Welten

    Ein Kinderheim in Bolivien: Hier half ein Bayer-Mitarbeiter aus Berlin für drei Monate.

Normalerweise pendelt er zwischen Berlin und Leverkusen. Im vergangenen Jahr nahm Bayer-Mitarbeiter Tobias Ludwig am Stiftungsprogramm „Bayer People Care For Society“ der Bayer Cares Foundation teil - und lebte drei Monate in Bolivien. Gemeinsam mit den jungen Bewohnern eines Kinderheims legte er einen Garten an. Eine ganz besondere Erfahrung für den Unternehmensberater.

Nie hat sich Tobias Ludwig so fremd gefühlt wie bei seiner Ankunft in Bolivien. Mitten im Chaos stand er da, rund herum lärmende Leute, Verkäufer, hupende Autos, Hitze, Staub, Straßendreck. Ausgerechnet er, der smarte Unternehmensberater, stets glatt rasiert, akkurater Haarschnitt, Anzugträger, sollte hier für die nächsten drei Monate leben und arbeiten?

Der Neuankömmling seufzte, schulterte seinen Rucksack und machte sich auf den Weg zum Kinderheim Hogar de Niños Santa Cruz, nichtsahnend, dass er in drei Monaten an genau dieser Stelle auf dem Weg nach Hause vorbeikommen würde – in Jeans, T-Shirt und mit einem Abschiedsbrief im Gepäck.

Tobias Ludwig

Mit dem Auslandseinsatz wollte ich meinen Horizont erweitern – und mich gleichzeitig sozial engagieren.

Tobias Ludwig, Unternehmensberater bei Bayer

Wenige Monate vor seiner Ankunft in Bolivien hatte sich der 32-Jährige für das Programm „Bayer People For Society“ der Bayer Cares Foundation beworben, bei dem Mitarbeiter verschiedene Sozial- und Gesundheitsprojekte weltweit unterstützen. „Mit dem Auslandseinsatz wollte ich nicht nur meinen Horizont erweitern, sondern auch ein eigenes Projekt leiten und so meine Führungskompetenzen ausbauen“, erklärt er. „Gleichzeitig konnte ich mich mit meinem Wissen und meinen Fähigkeiten sozial engagieren und wirklich sinnvolle Hilfe leisten.“

Einen Garten für das Kinderheim Hogar de Niños Santa Cruz anlegen – mit diesem Auftrag war Ludwig nach Bolivien geflogen. Außerdem sollte er sich um die Öffentlichkeitsarbeit für ein Ausbildungsprogramm des Kinderheimes kümmern. Dabei hatte der Management-Berater bis dahin nie etwas mit Bolivien zu tun gehabt. „Bei meiner Ankunft musste ich erstmal einen Kulturschock verdauen“, erzählt er. „Die Lebensverhältnisse sind deutlich schlechter, und die Schicksale der Kinder im Heim haben mich sehr bewegt.“

Das Kinderheim: ein großer gelber Bau in Santa Cruz, betrieben von den Mönchen der Amigonianer-Bruderschaft und das Zuhause für 85 Jungen im Alter von sechs bis 18 Jahren. „Die meisten stammen aus zerrütteten Familien, in denen Alkohol und Geldnot den Alltag bestimmen“, erzählt Ludwig. „Viele dieser Kinder waren völlig verwahrlost und haben auf der Straße gelebt, bis sie von den Mönchen aufgelesen wurden.“

Jugendarbeit

Der Orden der Amigonianer wurde 1889 von dem Kapuzinerbruder Luis Amigó gegründet. Die Mönche leiten weltweit Schulen, Erziehungs- und Kinderheime sowie diverse Projekte für Straßenkinder.

Tobias Ludwig bezog ein kleines Zimmer mitten im Heim und gehörte gleich vom ersten Tag an dazu. Der nüchterne Biochemiker trug plötzlich Sandalen und Drei-Tage-Bart und sah sich stets von einer Horde Kinder belagert. Und was für ihn am Erstaunlichsten war: Es machte ihm Spaß. „Ich habe mit den Kindern gespielt, sie bei den Hausaufgaben betreut und Yoga unterrichtet“, erzählt er. „Nebenbei habe ich das Gartenprojekt geplant.“

Willkommen im Kinderheim Hogar de Niños Santa Cruz - Tobias Ludwig führt durch die Räumlichkeiten.

Ein kleines Stück Brachland sollte Ludwig in einen blühenden Obst- und Gemüsegarten verwandeln, mit Unterstützung der Kollegen von Bayer Bolivia und natürlich der Heimkinder. „Was sich erstmal einfach anhört, war eine anspruchsvolle Aufgabe“, erzählt Ludwig. Nur mit viel Geduld und Engagement konnte er die Kinder so motivieren, dass sie langfristig bei der Sache blieben. „Man muss ihnen sehr genau erklären, was sie tun müssen und warum“, erzählt er. „Ich habe in diesen drei Monaten viel darüber gelernt, wie man Menschen führt.“

Endlich ist es soweit: Tobias Ludwig und die Kinder beginnen mit dem Säen der Pflanzen.

Tobias Ludwig schaffte es. Nach drei Monaten harter Arbeit - Wassergräben anlegen, sähen, düngen und gießen - sprossen Obst und Gemüse im neuen Garten und viele der Kinder waren bis zum Schluss dabei geblieben. Sogar der 13-jährige Jonathan, das Problemkind im Heim. Zu Tobias Ludwig fasste der verschlossene Außenseiter Vertrauen und wich dem Deutschen schon bald nicht mehr von der Seite.

Die beiden wurden Freunde und der Abschied fiel schwer: Der 13-Jährige übergab dem Deutschen einen sehr persönlichen Abschiedsbrief. „Da habe ich mich entschieden, eine Patenschaft für den Jungen zu übernehmen.“ Seit er zurück in Berlin ist, unterstützt er Jonathan finanziell und hält per Facebook und E-Mail so gut es geht den Kontakt.

Hier, im kühlen Deutschland, sieht er jetzt vieles mit anderen Augen. „Ich habe mich in Bolivien nicht nur beruflich, sondern auch persönlich weiterentwickelt“, sagt er. „Unsere Probleme kommen mir plötzlich winzig vor im Vergleich zu den Lebensgeschichten vieler Menschen, die ich dort getroffen habe.“

Jonathan will er übrigens schon bald wiedersehen: Ludwig hat ein Sabbatical beantragt und will eine Südamerikatour machen – und dabei natürlich das Kinderheim in Bolivien besuchen. „Mich verbindet sehr viel mit diesem Ort und den Menschen dort.“ Vor allem eins habe er dort gelernt: Anderen Menschen zu helfen, kann glücklich machen.