Werner Baumann

Coronavirus: Zurück zu einem Stück Normalität

 

Die durch COVID-19 ausgelöste Pandemie hat bereits weit mehr Opfer gefordert, als wir alle uns vorstellen konnten. Die Bilder aus den Krankenhäusern weltweit führen uns schmerzhaft vor Augen, dass wir unsere Gesundheitssysteme und die dort arbeitenden Menschen stärken müssen.

Gleichzeitig müssen wir die Belastungen durch den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lockdown sehen, in dem wir uns befinden. In diese Situation ist die Welt unkoordiniert geschliddert. Umso wichtiger ist es nun, einen geordneten Weg aus der Krise heraus zu organisieren. Schwarz-Weiß-Diskussionen helfen dabei nicht weiter. Sowohl der Schutz von Risikogruppen als auch ein angemessener Einstieg in den Ausstieg aus den Restriktionen sind durch verantwortungsvolle Entscheidungen mit Augenmaß möglich.

In diesem Geist hat die deutsche Politik die erste Phase der Krise gesteuert. Die Bundesregierung hat den schwierigen Balanceakt aus dem Schutz der Gesundheit und den daraus folgenden wirtschaftlichen Einschränkungen nach bisherigen Erkenntnissen erfolgreich gemeistert. Dennoch hören wir von ersten Firmen, die eine Insolvenz nicht vermeiden können. Die ausbleibenden Aufträge und die ungewissen Aussichten verunsichern Unternehmer, Mitarbeiter, Investoren und Kunden.

Uns allen muss klar sein, dass Staatshilfen, so vielfältig und umfassend sie auch sein mögen, immer nur kurzfristig unterstützen können. Langfristig kann keine Volkswirtschaft der Welt einen solchen Ausnahmezustand durchhalten. Schon jetzt ist das absehbare Ausmaß der ökonomischen Folgen enorm. Deshalb müssen wir jetzt so schnell wie möglich zu der Frage übergehen, wie wir die Ausbreitung von COVID-19 weiterhin verhindern und gleichzeitig einen geordneten Übergang in die nächste Phase der Krisenbewältigung gestalten können. Wir brauchen einen genauen Fahrplan und eine nationale Kraftanstrengung, eingebettet in gemeinsames europäisches Handeln, für ein Stück wirtschaftliche Normalität.

Werner Baumann

Werner Baumann

Vorstandsvorsitzender von Bayer

Dabei sollten wir uns keinen Illusionen hingeben: Auch die Phase des Wiederanfahrens wird noch weit vom Zustand vor der Krise entfernt sein. Es gibt Einschränkungen unserer Freiheit, die erstmal bleiben werden. Deshalb gilt es zu differenzieren und Risiken gezielt abzuwägen. Es ist in unser aller Interesse, wenn sich Teile unseres gesellschaftlichen und ökonomischen Lebens wieder normalisieren. Die folgenden Punkte sollten uns dabei leiten:

  • Verantwortung mit Augenmaß: Unsere liberale Grundordnung und gerade unternehmerische Freiheit sind untrennbar mit dem Begriff der Verantwortung verbunden. In Zeiten von Corona gilt das mehr denn je. Wir alle müssen mit der dann neu gewonnenen wirtschaftlichen Normalität verantwortungsvoll umgehen. Dazu gehören auch weiterhin strenge Maßstäbe für Hygiene und Social Distancing. Vorsichtsmaßnahmen, die wir zum Beispiel an unseren Produktionsstandorten etabliert haben, etwa die Temperaturmessung am Eingang, sollten auch in den nächsten Monaten zur Regel werden. Mit geeignetem Schutz sollten auch weite Teile des produzierenden Gewerbes, von Handel und Dienstleistung wieder ihren Betrieb aufnehmen können. Auch in dieser Phase gilt: Safety first!
  • Gesundheitssystem entlasten: Der Zustand unseres Gesundheitssystems muss gestärkt werden. Dafür muss die Notfallversorgung in Krankenhäusern dauerhaft entlastet und gleichzeitig die Versorgung und Vorsorge für möglichst breite Teile der Bevölkerung sichergestellt werden. Dazu brauchen wir neue Behandlungsprotokolle mit einer Kombination von frühzeitigen Tests, medikamentöser Behandlung und digitalem Monitoring der Erkrankten, um wirklich nur solche Fälle in die Krankenhäuser zu bekommen, die eine stationäre Aufnahme benötigen. Bei Bayer tragen wir wesentlich dazu bei, etwa indem wir unsere Laborkapazitäten mit mehreren tausend Tests am Tag kostenlos zur Verfügung stellen.

    Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass unser Malariamittel Resochin im Labor und in ersten klinischen Untersuchungen die Viruslast bei COVID-19 senkt. Wir spenden sowohl unseren gesamten verfügbaren Resochin-Bestand sowie darüber hinaus alles, was wir mit der Wiederaufnahme der Produktion von Resochin in Europa und weltweit herstellen können.
  • Koordination stärken: Wir haben gesehen, dass in einer Krise globalen Ausmaßes manche nationale Entscheidungskompetenz obsolet wird. Die Welt braucht eine deutlich bessere Koordination für Krisen dieser Dimension. Tagtäglich wird uns gerade vor Augen geführt, dass nationale Einzelentscheidungen – etwa zur Grenzschließung oder zur Exportkontrolle – unsere Lieferketten und damit die Produktion lebenswichtiger Produkte empfindlich stören, zum Teil unmöglich machen. Wir brauchen eine bessere internationale Koordinierung und den dafür notwendigen Rahmen. Das heißt auch, dass wir WHO, G20 und unsere europäischen Institutionen besser ausstatten müssen. Angesichts der massiven Wohlstandsschäden der derzeitigen Krisensituation sind dies sehr gut investierte Mittel.
  • Differenzierung nach Risikogruppen: Während wir hier für bestimmte Altersgruppen und Vorerkrankungen besonderen Schutz benötigen, erscheint nach wissenschaftlichen Erkenntnissen bei den jungen Altersgruppen mehr Freiraum geboten. Die Beibehaltung eingeschränkter Sozialkontakte sowie weiterer Sicherheitsmaßnahmen bei unseren älteren Mitbürgern schützt diese zunächst selbst und erlaubt allen anderen die beschleunigte Rückkehr zur Normalität.
  • Digitalisierung ausbauen: Wir alle haben in diesen Wochen gelernt, wie viel man digital umsetzen kann. Getreu dem Leitsatz „Geht nicht – gibt`s nicht“ finden die Menschen in unseren Unternehmen, aber auch in Politik und Verwaltung neue Wege. Ich kann nur dazu ermutigen, diese beherzt weiter zu beschreiten. Als erstes Dax-Unternehmen wird Bayer Ende April eine komplett virtuelle Hauptversammlung durchführen. Wir nutzen damit eine neue gesetzliche Möglichkeit und tragen auch hier zu einem Stück Normalität bei.
  • Für Planungssicherheit sorgen: Um den sukzessiven Wiederaufbau der Wirtschaft zu planen, insbesondere wenn dieser unter weiterhin hohem Gesundheitsschutz erfolgt, benötigen die Unternehmen klare und vor allem abgestimmte Signale der Politik zum zeitlichen Ablauf. Hier sind die Bundesregierung und die Landesregierungen gefordert.

Ich bin überzeugt, dass wir diese Krise überwinden werden. Wir sollten daraus die richtigen Lehren ziehen. Dazu wird das Thema Versorgungssicherheit in Deutschland und Europa zählen müssen. Aus meiner Sicht brauchen wir auch eine neue Diskussion über den Wert von Wissenschaft in besonders kritischen Bereichen. Aber so weit sind wir noch nicht. Jetzt geht es erst einmal darum, auch die nächste Phase dieser Krise mit Augenmaß anzugehen und eine vorsichtige Rückkehr zu einem Stück wirtschaftlicher Normalität zu ermöglichen. Wir werden unseren Beitrag dazu leisten.