Blinder Aktionismus hilft nicht

Geht die Zahl der Fluginsekten tatsächlich zurück? Einige Studien weisen darauf hin. Jetzt kommt es darauf an, die Ursachen zu finden.

Wissenschaftliche Ursachenforschung statt blinder Aktionismus

Ist die Windschutzscheibe Ihres Autos in diesem Sommer auch sauber geblieben, ohne Verunreinigungen durch Fluginsekten? Das, so lesen wir häufig in diesen Tagen, sei das augenfälligste Symptom des massiven Insektenrückgangs, den wir alle zurzeit beobachten könnten.

Christian Maus

Christian Maus

Wissenschaftlicher Leiter Bee Care bei der Bayer AG

Offen gestanden konnte ich dies an meinem Wagen noch nicht beobachten. Und ich kann mich auch des Eindrucks nicht ganz erwehren, dass es sich hierbei um subjektive Wahrnehmungen handelt, die durch ständiges Wiederholen und Weitererzählen immer mehr an Gewicht gewinnen – wie ein Schneeball, der den Berg hinunterrollt und schliesslich zur Lawine wird. Solche anekdotischen Eindrücke sind dem Menschen zu eigen. Früher war alles besser, Weihnachten war schöner, die Sommerferien waren länger, und es klebten eben mehr Insekten an der Windschutzscheibe. Individuelle Beobachtungen, subjektive Eindrücke, aber keine solide Wissenschaft. Solide Wissenschaft muss aber unser Anspruch bei Bayer sein.

Daher schauen wir uns die Daten und Fakten zum Thema Insektenrückgang einmal genauer an; diese legen tatsächlich den Schluss nahe, dass es in den letzten 30 Jahren zu einem Rückgang an Fluginsekten in Deutschland gekommen ist.

Die wichtigste bisher ausgewertete Datenquelle sind die Messergebnisse eines insektenkundlichen Vereins aus Krefeld. Die Forscher hatten seit 1989 in verschiedenen Gegenden, meist in nordrhein-westfälischen Naturschutzgebieten, Fallen aufgestellt, die Proben von fliegenden Insekten nehmen. Dies war ursprünglich nicht zum Zweck einer systematischen Erfassung gedacht; aber nach längerer Zeit der Probennahme fiel es den Forschern auf, dass die Masse der Insekten in den Fallen weniger wurde.

Dies war ein sehr interessanter wie auch beunruhigender Befund, der sich jedoch nicht ohne weiteres deuten ließ. Der Grund dafür: die Studie war nicht von Anfang an darauf ausgelegt, die Entwicklung der Biomasse in den Fallen an verschiedenen Standorten systematisch zu erfassen. Daher waren die Fallen nicht von Anfang an Jahr für Jahr an denselben Standorten aufgestellt worden. Das hätte man natürlich bei einer entsprechend konzipierten wissenschaftlichen Studie anders gemacht. Dieser Mangel ist denn auch einer der Hauptkritikpunkte. Inhaltlich kann man dieser Kritik durchaus folgen, allerdings wird man damit der ursprünglichen Intention der Aktion nicht ganz gerecht. Manchmal geschieht es eben auch in der Wissenschaft, dass man etwas findet, nach dem man gar nicht gesucht hat. Natürlich lässt sich auch trefflich über die richtige Methodik zur Auswertung der Daten streiten. Je nachdem, welche Berechnung man verwendet und von welchem zeitlichen Bezugspunkt man ausgeht, kommt man auf die von den Krefeldern genannten 76 Prozent Rückgang oder auf geringere Werte. Dass jedoch ein Rückgang, wie groß er auch sein mag, stattgefunden hat, erscheint wahrscheinlich, auch wenn die 76 Prozent vermutlich nicht repräsentativ sind für ganz Deutschland.

Die entscheidende Frage ist nun: was sind die Faktoren, die den Rückgang der Biomasse an Fluginsekten verursacht haben? Diese Frage konnte auch die Studie der Entomologen nicht beantworten. Interessanterweise waren die Rückgänge anscheinend nicht mit Faktoren korreliert, die man vielleicht spontan erwartet hätte, wie bestimmte Lebensraumtypen, Änderung der Landnutzung oder Entwicklung des Klimas. Andere Faktoren wie intensive Landwirtschaft oder Pflanzenschutz wurden von den Forschern nicht untersucht, und sie sind hier auch vorsichtig mit Spekulationen. Die Frage stellt sich sowieso, ob der Pflanzenschutz als Ursache die plausibelste Erklärung ist, da ja der Rückgang in erster Linie in Naturschutzgebieten beobachtet wurde, und nicht in Gebieten mit intensiver Landwirtschaft.

Bemerkenswert ist jedoch, dass sofort nach Bekanntwerden der Daten interessierte Kreise, nicht unbedingt Wissenschaftler, sehr schnell die Lösung wussten, ohne auch nur die Daten im Detail zu kennen. Diese Lösung war natürlich, dass die konventionelle Landwirtschaft im allgemeinen und der chemische Pflanzenschutz im Besonderen hinter all dem steckt. Solche reflexhaften Schuldzuweisungen sind natürlich ideologisch motiviert und haben nichts mit faktenbasierter Argumentation zu tun. Einige äußerten sogar, man wüsste ja zu Genüge, was den Rückgang verursacht, somit wäre nun keine weitere Ursachenerforschung mehr nötig, sondern es sei lediglich erforderlich, zu handeln. Natürlich dürfen weitere wissenschaftliche Forschungen nicht als Vorwand dienen, notwenige Aktion zu verzögern oder gar zu blockieren. Aber einfach nur Handeln um des Handelns willen, nur auf Verdachtsmomente hin, die nicht einmal von den Daten unterstützt werden, ist blinder Aktionismus. Ideologisch gefärbte Exegese wissenschaftlicher Forschungsergebnisse hilft den Ideologen , aber nicht den Insekten. Und: Ursachenforschung und Handeln sind kein entweder - oder, die sich gegenseitig ausschließen. Es spricht nichts dagegen, dort zu forschen, wo Klärungsbedarf besteht und dort zu handeln, wo bereits fundierte, zielführende Handlungsoptionen identifiziert sind.

Wir bei Bayer gehen beide Wege: auf der einen Seite erproben wir Maßnahmen, mit denen sich die Insektenvielfalt in der heutigen Landschaft fördern und erhalten lässt; und auf der anderen werden wir Untersuchungen durchführen und unterstützen, die helfen sollen, die Ursachen des Rückgangs zu ermitteln. Uns ist nicht daran gelegen, Schuldige zu ermitteln und ein bestimmtes ideologisches Weltbild zu unterstützen, sondern daran, Fakten auf den Tisch zu bringen und die besten Lösungen zu finden.