Interview mit
Prof. Dr. Gunther Hirschfelder

„Wir dürfen Ernährungsfragen nicht entdemokratisieren“

Seit 1979 findet am 16. Oktober der Welternährungstag (World Food Day) statt, um auf die globale Ernährungssituation aufmerksam zu machen. Nachdem der Welthunger über ein Jahrzehnt kontinuierlich gesunken war, stiegen die Zahlen seit einigen Jahren wieder an. Im Jahr 2018 litten den Vereinten Nationen zufolge 822 Millionen Menschen an Hunger und 2 Milliarden unter Mangelernährung. Im Interview erläutert der renommierte Regensburger Kulturwissenschaftler Prof. Dr. Gunther Hirschfelder die globale Situation, zeigt Lösungen auf und fordert einen demokratischen und wissenschaftsbasierten Dialog über die wichtigsten Ernährungsfragen.

Herr Professor Hirschfelder, welche Bedeutung hat Ernährung für die Entwicklung der Menschheit?
Die Sicherung und Verbesserung der Ernährungssituation sind biologisch wie gesellschaftlich die entscheidenden Antriebskräfte unserer Entwicklung. Man muss wissen, dass die Menschheit lange Zeit keine sehr erfolgreiche Spezies war. Erst als wir im Übergang vom Jäger und Sammler zu einer bäuerlich-sesshaften Lebensweise die Naturressourcen besser nutzten, änderte sich dies. Über die Jahrtausende entwickelten die Menschen dann immer effektivere technische Geräte und sie lernten, dass man durch Düngung, Pflanzenschutz und intelligente Anbaumethoden den Ertrag deutlich steigern kann.

Dennoch haben wir die weltweiten Ernährungsprobleme noch nicht gelöst.
Wir haben heute über 800 Millionen hungernde Menschen auf der Welt. Diese Zahl hat in den vergangenen Jahren sogar wieder zugenommen. Vor allem in Afrika stehen wir nach wie vor großen Herausforderungen gegenüber. Eines der wenig wahrgenommenen Probleme ist dort zum Beispiel das so genannte Landgrabbing, also dass sich große ausländische Konsortien fruchtbare Agrarregionen aneignen. In Ländern wie Äthiopien, Sambia und Madagaskar oder auch im Niger-Binnendelta ist das absolut dramatisch für die Versorgung der Bevölkerung. Hinzu kommen natürlich klassische Probleme wie klimatische Bedingungen, fehlende finanzielle Mittel oder ein niedriges Bildungsniveau vieler Bauern.

Wo liegen außerhalb von Afrika die Herausforderungen?
Schwierige Ernährungssituationen sind auch dort ein Thema, wo wir es vielleicht gar nicht mehr vermuten. Staaten wie Indien oder China assoziieren wir in der Regel mit boomenden Ländern.

Schwierige Ernährungssituationen sind auch dort ein Thema, wo wir es vielleicht gar nicht mehr vermuten.

Michael Devoy

Prof. Dr. Gunther Hirschfelder

Universität Regensburg

Dabei wird leicht übersehen, dass auch in diesen Regionen erbittert um eine gesicherte Ernährung gerungen wird. Von den über 1,3 Milliarden Indern leben mehr als 700 Millionen Menschen im ländlichen Raum mit nach wie vor großen Armutsproblemen. Zu einer oftmals nicht ausreichenden Lebensmittelversorgung kommen eine schlechte Organisation des Lebensmittelhandels, ineffektive Agrarstrukturen und eine sich vor allem im Süden des Landes abzeichnende Wasserknappheit. Wir müssen davon ausgehen, dass die große Ernährungsfrage in Indien keineswegs gelöst ist. Im Gegenteil, das Land sieht sich mit einem wachsenden Bevölkerungsdruck und einem steigenden Ressourcen- und Bodenverbrauch konfrontiert. Gleiches gilt für den Nachbarn Pakistan und in gewissem Ausmaß auch für China. In diesen Ländern sind die Grundlagen für eine gesicherte Ernährung zumindest gefährdet. Nehmen Extremwetterereignisse, Fleischkonsum und Ressourcenverschwendung weiter zu, dann lassen sich Lebensmittellücken langfristig kaum schließen. Aus wissenschaftlicher Sicht kann einem da angst und bange werden.

Trotz der von Ihnen beschriebenen Probleme schalten Regionen in Asien und Afrika von Mangelverwaltung in einen Überflussmodus und verschärfen durch wachsenden Fleischkonsum die Situation womöglich noch.
Der Mensch hat ein natürliches Bedürfnis nach Eiweiß. Das gilt für uns individuell, das gilt aber auch für ganze Gesellschaften. Dort, wo lange Zeit eine Proteinunterversorgung herrschte, schaltet man auf einen möglichst hohen Konsum um. Wir sehen das in afrikanischen Schwellenländern, wie in Kenia oder Botswana. Jetzt können wir aber nicht hingehen und anderen Ländern, in denen der Fleischkonsum steigt, sagen: Ihr seid zwar immer noch proteinunterversorgt, aber achtet bitte im Hinblick auf den Klimawandel auf Euren Fleischverzehr. Auch in diesen Gesellschaften ist ein möglichst hoher Fleischkonsum ein wichtiger kultureller Wert.

Lassen Sie uns über Lösungen sprechen. Wie lässt sich die weltweite Ernährungssituation verbessern?
Die Forschung muss zum Beispiel für trockenheits- oder salzresistentere Getreidesorten und Feldfrüchte sorgen. Hierfür brauchen wir die entsprechenden Technologien. Was wir aber auch brauchen, ist ein offener gesellschaftlicher Diskurs. Und dieser Diskurs muss wissenschaftlich geführt werden. Er darf nicht, wie heute leider viel zu oft, ideologisch oder national aufgeladen sein, von keiner Seite. Das wäre der erste Punkt. Der zweite wären aus meiner Sicht neue Instrumente zur fairen und ausgeglichenen Organisation der Welternährung. Hier sind vor allem Europa, Nordamerika und China in der Pflicht. Als dritten Punkt sehe ich die unglaublichen Chancen durch die Digitalisierung. Wir haben große Regionen auf der Welt, in denen das bäuerliche Ausbildungssystem stark unterentwickelt ist. Wenn wir dort so schnell wie möglich in das Zeitalter von Mobilfunk und Internet wechseln, haben wir gute Chancen auf einen Innovationssprung in Anbau und Organisation von Landwirtschaft. Und zu guter Letzt müssen wir ökologische und ökonomische Landwirtschaft miteinander versöhnen.

Wir brauchen für die Landwirtschaft des 21. Jahrhunderts eine ganze Reihe von Innovationsschüben.

Vor allem dort, wo Landwirtschaft großflächig betrieben wird, müssen wir sie so gestalten, dass sie ökologisch gut funktioniert. Gleichzeitig müssen wir auf den fruchtbaren Flächen große Erträge erzielen. Insgesamt brauchen wir also für die Landwirtschaft des 21. Jahrhunderts eine ganze Reihe von Innovationsschüben.

Wie sollte die gesellschaftliche Debatte über Ernährung aussehen?
Sachlich und respektvoll. Auf der Basis von klassischen demokratischen Gepflogenheiten. Wenn Sie auf die Klima- und Umweltdebatten schauen, dann haben wir dort eine Diskussion, die von dem geprägt ist, was Niklas Luhmann mal als „Aufregungsschäden“ bezeichnet hat. Wir konzentrieren uns zu sehr auf das Gegeneinander: Autofahrer gegen Nichtautofahrer, Fleischesser gegen Nichtfleischesser. Wir müssen viel mehr überlegen, wie die Aspekte der demokratischen Freiheit und des verantwortungsvollen Handelns zusammenhängen, bzw. wie wir sie zusammenbringen können. Ernährungsfragen dürfen nicht entdemokratisiert werden. Zu den Errungenschaften des 20. Jahrhunderts gehört doch, dass man den Hunger überwunden hat und dass sich ein Konsens etablierte, allen Menschen unabhängig vom Einkommen genügend Nahrung bereitzustellen. Das darf nicht infrage gestellt werden. Im Grunde muss man dieses Prinzip weltweit verbindlich machen.

Haben wir in den entwickelten Ländern nicht längt eine Ernährungsdiskussion, die globale Zusammenhänge komplett ausblendet?
Zum Teil, ja. Ernährung wird gerade in den entwickelten Ländern aus dem Blickwinkel der Lebensstile diskutiert. Im Augenblick befinden sich Europäer und Nordamerikaner in einer historischen Ausnahmesituation. Die Menschen haben sich immer geärgert, dass der Teller zu leer war. Unsere Generation ist in diesen Regionen die erste, die sich damit beschäftigt, dass er zu voll ist. Viele konzentrieren sich bei Ernährungsfragen deswegen auf die eigene Gesundheits- und Körperoptimierung. Global wird die entscheidende Frage des 21. Jahrhunderts jedoch nicht sein, welchem Ernährungsstil ich folge.

Vor welche Probleme stellt eine solche Verengung des Blickwinkels auch den Landwirt?
Der Landwirt steckt in der Falle! Er kann die an ihn gestellten Anforderungen gar nicht ohne weiteres erfüllen. In der Regel hat er seinen Betrieb geerbt und versucht auf Grundlage seines Wissens und bestehender Gesetze die Bevölkerung mit Lebensmitteln zu versorgen. In dieser Rolle sieht er sich zunehmend marginalisiert.

Der Landwirt steckt in der Falle!
Er kann die an ihn gestellten Anforderungen gar nicht ohne weiteres erfüllen.

Wir verkennen, dass ein erfolgreicher Landwirt mit seinem Boden oder seinen Tieren wirtschaftlich umgehen muss. Sie können aus ökonomischen Gründen den gesellschaftlichen Anforderungen von heute nicht einfach kurzfristig folgen. Ganz abgesehen davon, dass sie mit Biolandbau alleine auch heute nicht die Welt ernähren können. Den Spagat zwischen Ökologie und Ökonomie können viele Landwirte alleine kaum aufheben. Da ist die Politik gefragt, sie muss auf Basis von Wissenschaft und Forschung gesellschaftlich akzeptierte und ökonomisch sinnvolle Rahmenbedingungen für die globalen Ernährungsfragen schaffen.

Wir danken für dieses Gespräch.