Wenn Pollen Probleme bereiten

Es scheint, als wären immer mehr Menschen anfällig für Heuschnupfen. Warum ist das so? Hier kommen globale Veränderungen und individuelle Faktoren zusammen.

Können auch Sie sich nie so richtig auf den Frühling freuen? Alles um Sie herum fängt an zu blühen und die Vögel zwitschern, doch mit dem Frühling kommen auch eine laufende Nase, juckende Augen und ständiges Niesen? So geht es nicht nur Ihnen!

Laut der World Allergy Organization sind derzeit zwischen 10 % und 30 % der Erwachsenen weltweit und bis zu 40 % aller Kinder von Allergien bzw. Heuschnupfen betroffen. In einigen Teilen der Welt haben allergische Reaktionen auf Pollen in den letzten Jahrzehnten sowohl in der Häufigkeit als auch in der Schwere deutlich zugenommen.

Woran liegt das? Wodurch wird die Weltbevölkerung immer anfälliger für saisonale Allergien? Was genau wissen wir darüber und können wir etwas dagegen tun?

Es gibt zwar keine Einzelursache, doch es lassen sich mehrere Faktoren beobachten, die daran beteiligt sein könnten.

Die Pollen-Zeitbombe, animierte Infografik

Klimawandel

Immer mehr Forschungsergebnisse verdeutlichen, dass aufgrund der Erderwärmung sowie des höheren Kohlendioxidgehalts in der Atmosphäre – verursacht durch den Klimawandel – die Blütezeiten weltweit verändert, die Pollenzeit verlängert und die Menge der in der Luft befindlichen Pollen in einigen Teilen der Welt erhöht werden.

Die Pollenzeit hält vor allem in der nördlichen Hemisphäre immer länger an. Eine Studie stellte zum Beispiel fest, dass zwischen 1995 und 2011 wärmere Temperaturen in den USA zu einer 11 bis 27 Tage länger andauernden Pollenzeit führten. Keine erfreuliche Nachricht für die 25 Millionen unter Heuschnupfen leidenden US-Amerikaner, von denen ca. 75 % gegen den bekannten Allergieauslöser Ambrosia allergisch sind.

Längere Vegetationsperioden und der zunehmende Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre können dazu beitragen, dass Ambrosia-Pflanzen schneller wachsen, mehr Pollen pro Pflanze produzieren und ein höheres allergenes Potenzial haben. In einer durchschnittlichen Blütezeit kann eine einzige Pflanze ungefähr eine Milliarde Pollenkörner produzieren, die der Wind dann bis zu 650 km weit tragen kann.

Doch es sind nicht nur die Pflanzen, sondern auch die allergieauslösenden Baumpollen, die uns zu schaffen machen. Bäume wie die Eiche und die Birke profitieren ebenfalls von der Erderwärmung und gedeihen deutlich besser als weniger allergene Arten wie die Kiefer. Einer italienischen Studie zufolge begann die Blütezeit von allergenen Bäumen wie der Olive und der Zypresse über einem Zeitraum von 27 Jahren mit steigenden Temperaturen immer früher, hielt länger an und führte zu mehr Allergikern.

Der Klimawandel kann aber auch auf andere durch die Luft übertragene Allergene Einfluss haben. Der Anstieg von Kohlendioxidemissionen kann unter anderem zu einer wesentlichen Verschlechterung von Schimmelpilzallergien führen. Bei einer Laboruntersuchung konnte festgestellt werden, dass Schimmelpilze, die den derzeitigen Kohlendioxidkonzentrationen ausgesetzt waren, achteinhalbmal mehr Allergene produzierten als Schimmelpilze, die einem vorindustriellen Kohlendioxidgehalt ausgesetzt waren.

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Eine Befragung von 2018 hat ergeben, dass fast die Hälfte der Bevölkerung von Tokio an Heuschnupfen leidet, während im Jahr 2008 noch weniger als ein Drittel betroffen war.

Rasanter Anstieg an Großstadtbewohnern

Unsere Gesellschaft wird immer urbaner: Im Jahr 2050 werden schätzungsweise 68 % der Weltbevölkerung in Städten leben. Mit dem Wachstum der städtischen Bevölkerung weltweit wird neben einer zunehmenden Umweltverschmutzung auch eine steigende Verbreitung von durch die Luft übertragenen Allergien einhergehen. In einem Teil von Afrika beispielsweise war Asthma und Heuschnupfen in städtischen Umgebungen doppelt so stark ausgeprägt.

Hauptursache dafür ist die Luftverschmutzung. Luftschadstoffe wie Abgase haben unmittelbare Auswirkungen auf die physischen, chemischen und biologischen Eigenschaften von Pollenkörnern, die dadurch vermehrt allergisch wirken. Luftverschmutzung macht uns insgesamt anfälliger. Bei einer hohen bodennahen Schadstoffbelastung braucht es weniger Pollen, um eine allergische Reaktion auszulösen.

Städtische Landschaften bringen auch andere Probleme mit sich. Sogenannte Wärmeinseln – Ballungsräume, die erheblich wärmer sind als die umgebenden ländlichen Gebiete – sind nur ein Beispiel. Sie sorgen dafür, dass Bäume und Pflanzen nicht nur früher, sondern auch länger blühen, was dann wiederum zu mehr Pollenproduktion führt.

Verschlimmert wird diese Situation durch eine verfehlte Städtebauplanung. In vielen Städten wurden ausschließlich männliche Bäume angepflanzt, da diese keine Samen, Früchte oder Schoten entwickeln und somit die Straßen frei von jeglichem "Abfall" hielten – im wahrsten Sinne des Wortes. Jedoch produzieren männliche Bäume Pollen – und zwar eine ganze Menge. Und wenn es an weiblichen Bäumen fehlt, um diese Pollen zu empfangen, dann füllen sich die Straßen während der Heuschnupfen-Saison mit diesem Blütenstaub.

Wissenschaftler weisen darauf hin, dass auch eine fehlende Allergen-Exposition in den frühen Lebensjahren später zu einer Zunahme von Allergien führen kann.

Fehlende Allergen-Exposition

Könnte unser modernes, steriles Leben heutzutage auch dazu beitragen, dass immer mehr Menschen allergisch sind?

Weniger natürliche Geburten und Stillen sowie Sozialkontakte und Aktivitäten im Freien, dafür aber mehr Zeitvertreib in geschlossenen Räumen – je weniger wir in jungen Lebensjahren unterschiedlichen Mikroben ausgesetzt sind, die gut für unser Immunsystem sind, desto eher entwickeln wir Allergien.

Ein übermäßig hygienischer Lebensstil ist natürlich darauf ausgerichtet, Infektionen zu vermeiden. Jedoch verhindern wir so sehr wahrscheinlich auch die allgemeine Exposition gegenüber Mikroben. Es wird angenommen, dass bei einer geringen oder sogar fehlenden Exposition die Kolonisierung des kindlichen Darms verändert wird. Das wiederum beeinträchtigt dann die Entwicklung unseres Immunsystems und erhöht die Allergiebereitschaft. Epidemiologische Studien haben gezeigt, dass Kinder, die auf traditionellen Bauernhöfen aufwachsen, wo sie einer Vielzahl an Mikroben ausgesetzt sind, weniger von Asthma, Heuschnupfen und allergischer Sensibilisierung betroffen sind.


Sind wir allergisch gegen die Zukunft?

Unsere Anfälligkeit für Allergien ist äußerst komplex, wobei unsere individuelle genetische Struktur den wohl entscheidendsten Einfluss hat. Doch auch Umweltfaktoren haben einen maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung unserer Allergiebereitschaft. Aufgrund des Klimawandels, der Urbanisierung und unserer immer sterileren Lebensweise erschaffen wir ein Umfeld, in dem wir vermehrt Allergien gegen durch die Luft übertragene Allergene entwickeln.

Müssen wir uns also damit abfinden, dass Heuschnupfen bald gang und gäbe sein wird? Nicht unbedingt. Je besser wir die Ursachen und Risikofaktoren verstehen, desto eher können wir unsere Symptome mildern. Von einem persönlichen Standpunkt gesehen kommt es uns zwar so vor, als wären uns die Hände gebunden, jedoch kann bereits eine kleine Veränderung in unserem Umfeld einen wesentlichen Unterschied bewirken.