Dr. Christiane Staiger

Vor 50 Jahren: die Mondreise von Aspirin

Am 20. Juli 1969 betraten die ersten Menschen den Mond. Mit an Bord von Apollo 11 waren damals sorgsam ausgesuchte Arzneien, darunter Acetylsalicylsäure, und damit das geistige Eigentum von Bayer. Ein medizinischer Blick zurück.

Vanessa McGivern

Dr. Christiane Staiger

Fachapothekerin für Arzneimittelinformation und Expertin für Weltraumpharmazie

Zu Beginn der bemannten Raumfahrt waren die Auswirkungen einer Weltraummission auf den menschlichen Organismus unklar. Es war eine Reise ins Ungewisse: Wie würde sich ein längerer Zustand der Schwerelosigkeit auf die Körperfunktionen auswirken? Etwa auf die Atmung, den Kreislauf, das Bewusstsein oder auch die Sehfähigkeit der Raumfahrer? Wie würden Menschen die hohen Beschleunigungen von einem Vielfachen der Erdgravitation körperlich meistern, die auf dem Weg ins All und zurück zur Erde auf sie einwirken?

Um die Astronauten bestmöglich vorzubereiten, stellte man weitreichende Tests an. Es gab rigide Auswahlverfahren nach körperlicher Fitness, aber auch Stressresistenz, Geschicklichkeit und Durchhaltevermögen. So ist überliefert, dass die Kandidaten der US-amerikanischen NASA ihre Motivation auch dadurch unter Beweis stellen mussten, dass sie ihre Füße sieben Minuten lang in Eiswasser halten konnten. Das Gefühl der Schwerelosigkeit konnte man mit außergewöhnlichen Flugmanövern kurzzeitig herbeiführen, doch die Frage nach den Auswirkungen auf den menschlichen Körper ließ sich so natürlich nicht beantworten.

Die ersten Raumfahrer: eine sowjetische Hündin und zwei amerikanische Affen

Um Menschen keinen unwägbaren Gefahren auszusetzen, erprobte man den Raumflug zunächst mit Tieren. Besonders bekannt wurden die Hündin Laika auf sowjetischer und die Schimpansen Ham und Enos auf amerikanischer Seite. Erst nachdem sie ihre Raketenflüge gut überstanden hatten, schickte man auch Menschen ins All.

Es begann unter strenger medizinischer Beobachtung: Als Juri Gagarin 1961 als erster Mensch ins All flog, dauerte sein Flug keine zwei Stunden. Ganz bewusst nahm er dabei einen Snack aus der Tube zu sich. Die Ärzte wollten testen, ob man im All auch ungehindert schlucken, essen und trinken konnte.

Auch die NASA sammelte möglichst viele medizinische Daten. Bei den ersten bemannten US-Raumfahrten, den jeweils mit einem Mann besetzten Mercury-Missionen (1961-1963), wurden ständig Atemfrequenz, Blutdruck, Herzfunktion und Körpertemperatur überwacht sowie Gesicht und Oberkörper des Astronauten gefilmt. Auch die Bordapotheke war auf die größten medizinischen Risiken abgestimmt. Weil in dem geschlossenen Raumanzug keine Tabletten eingenommen werden konnten, waren vier Injektionsspritzen in die Raumanzüge eingearbeitet, die bei Bedarf automatisch die nötige Einzeldosis der Medikamente gegen Schmerz, Schock, Schwindel oder Müdigkeit injiziert hätten.

UdSSR versus USA: Beim Wettlauf im Weltraum setzten beide Seiten auf Aspirin

Die Eroberung des Weltraums war auch ein Wettlauf zwischen den Weltmächten UdSSR und USA. Lange hatte dabei die Sowjetunion einen Vorsprung: Sie schickte mit Gagarin den ersten Mann und 1963 mit Valentina Tereshkova die erste Frau ins All. Gherman Titov war der erste Kosmonaut, der länger als 24 Stunden um die Erde kreiste, und Alexei Leonov gelang der erste Ausstieg in den freien Weltraum.

Um den Rückstand aufzuholen, verkündete der damalige US-Präsident John F. Kennedy ein ehrgeiziges Ziel: Bis Ende der 1960er-Dekade sollte die Landung auf dem Mond gelingen. 1968 umkreisten Frank Borman, Bill Anders und James Lovell (der spätere Kommandant der auch durch Hollywood bekannt gewordenen Mission „Apollo 13“) an Bord von „Apollo 8“ den Mond. Dabei machten sie Fotos, die fast jeder kennt: etwa die blau-weiße Komplettansicht der Erdkugel vor dem schwarzen Hintergrund des Weltraums.

Beide Seiten, die sowjetische wie die amerikanische Raumfahrt, stellten Bordapotheken für ihre Astronauten zusammen. Einige Grundbestandteile finden sich auf beiden Seiten, vor allem Arzneistoffe gegen Beschwerden, die den Erfolg der Missionen gefährden konnten: Übelkeit, Atembeschwerden, Magen-Darm oder Kopfschmerzen. So definierte die NASA 1967 eine Liste, welche Arzneimittel und Wirkstoffe Priorität haben sollten. Ganz oben auf der Liste stand: Acetylsalicylsäure, der Wirkstoff von AspirinTM.

"Hat sich bei der teuersten Reise der Welt bewährt": Mit diesem Schreiben warb Bayer vor 50 Jahren für AspirinTM (Quelle: Bayer-Archiv).

One small step for a man, one giant leap for mankind.“

Mit „Apollo 11“ und der bevorstehenden Mondlandung wurde die Öffentlichkeit rund um den Globus vom Weltraumfieber erfasst. Als Michael Collins seine Kollegen Buzz Aldrin und Neil Armstrong aus der Mondumlaufbahn abgesetzt hatte und die beiden dann – nach US-amerikanischer Zeit am späten Abend des 20. Juli 1969, nach europäischer Zeit in den frühen Morgenstunden des 21. Juli 1969 – durch den Mondstaub hüpften, schaute die Welt gebannt am Fernsehgerät zu und hörte Armstrongs legendären Satz: „That’s one small step for (a) man, one giant leap for mankind.“

An diesem Wochenende jährte sich dieser welthistorische Moment zum 50. Mal.

Zur „Apollo 11“-Mission veröffentlichte die NASA ein ausführliches Pressehandbuch mit insgesamt 250 Seiten. Der Eintrag zur Bordapotheke ist mit 14 Zeilen kurz gefasst, aber dafür präzise. Demnach enthielt das medical-kit des Kommandomoduls Columbia für die drei Astronauten folgende Tabletten: 60 Antibiotika, 12 Mittel gegen Übelkeit, 12 Aufputschmittel, 18 starke Schmerzmittel, 60 abschwellende Erkältungsmittel, 24 Tabletten gegen Durchfall, 72 Aspirin und 21 Schlafmittel. Eine weitere kleine Medizintasche befand sich im Mondfahrzeug Eagle, das tatsächlich auf dem Mond landete. Sie enthielt vier Tabletten mit Stimulanzien, acht gegen Durchfall, zwei Schlaftabletten, vier gegen Schmerzen, zwölf Aspirin, zwei Flaschen mit Augen- und Nasentropfen sowie Kompressen.

Die NASA hat eine Übersicht der mitgeführten und verbrauchten Medikamente aller Apollo-Missionen veröffentlicht. Aspirin gehört zu den am meisten verwendeten Arzneimitteln, auch bei der historischen Mission „Apollo 11“ kam es zum Einsatz.

Bei den Medikamenten an Bord handelte es sich um US-amerikanisches Aspirin und damit wohl nicht um Tabletten aus der Produktion von Bayer. Das liegt daran, dass Bayer als Folge des ersten Weltkriegs das Patent an Aspirin in den USA verloren hatte, aber natürlich basierte auch das Aspirin in der Mondkapsel auf dem geistigen Eigentum von Bayer und der Erfindung von Felix Hoffmann am Ende des 19. Jahrhunderts.

Zum 150. Jubiläum von Bayer im Jahr 2013 hat das Unternehmen für ein Firmenvideo mit Buzz Aldrin gesprochen, über seine Erfahrung im Weltraum und auch über die Bedeutung der medizinischen Versorgung. Seine Antwort: „Wir wussten, dass wir Aspirin an Bord hatten und darauf konnten wir uns verlassen.“ (Für ein Interview zum Dreh mit Buzz Aldrin, siehe unten.)

"Aspirin rettet die Reise" (Quelle: Bayer-Archiv).

Moderne Raumfahrt: immer längere Aufenthalte im All

Bis heute hat sich die Raumfahrt vor allem im erdnahen Orbit weiterentwickelt. Mit der Einführung des wiederverwendbaren Space Shuttles und der ersten dauerhaft bemannten Raumstation „Mir“ (1986-2001) wurden Weltraumbesuche immer regelmäßiger. Mit den längeren Aufenthalten im All wuchs auch die Liste der möglichen medizinischen Zwischenfälle und der Medikamente an Bord. 1994 wies die Liste der Arzneimittel und Medizinprodukte des US-Space Shuttles mehr als 200 Positionen aus. Auch die russische Raumstation Mir verfügte über mehrere, nach Indikationsgebieten sortierte Apotheken.

Auf der Internationalen Raumstation ISS, die seit dem Jahr 2000 dauerhaft von Astronauten bewohnt ist, wurde neben der pharmazeutischen auch die medizinische Ausrüstung stark ausgeweitet. Dort ist man inzwischen für Zahnbehandlungen, Wiederbelebungsmaßnahmen und Operationen gut gerüstet.

Aus pharmazeutischer Sicht ist dabei die Stabilität der Arzneimittel besonders relevant. Derzeit tauscht man die Apotheken der ISS im Abstand von einigen Monaten regelmäßig aus, weil die erhöhte Strahlung im All die Haltbarkeit vieler Arzneistoffe beeinflusst. Bei künftigen größeren Missionen, etwa einer mehrjährigen Reise zum Mars, müssten jedoch noch deutlich längere Haltbarkeiten erfüllt werden. Die Verantwortlichen sind dafür sensibilisiert: Sollte die NASA einen Flug zum Mars wagen, hat sie bereits festgelegt, dass mindestens ein Arzt als Crew-Mitglied an Bord sein soll.

„Die Begegnung mit Buzz Aldrin war faszinierend“

Für das 150-jährige Firmenjubiläum der Bayer AG im Jahr 2013 zeichnete das Unternehmen ein Video-Statement mit Buzz Aldrin auf, einem der beiden ersten Menschen, die damals 1969 den Mond betraten. Die Aufzeichnung fand im Sommer 2012 in Los Angeles statt, unter der Regie von Martin Spingys, der in der Kommunikation von Bayer die audiovisuellen Medien verantwortet. Zum 50. Jahrestag der welthistorischen Mondlandung erinnert er sich an den besonderen Dreh.

Martin, was kommt Dir als Erstes in den Sinn, wenn Du an das Treffen mit Buzz Aldrin denkst?

„Schwer zu sagen. Ich weiß noch, dass dieses Treffen damals auf einem Golfplatz am Rande von Los Angeles stattfand und ganz anders verlief als gedacht. Buzz Aldrin war so gar nicht der spirituelle alte Mann mit Outer-Space-Erfahrung, den wir erwartet hatten. Viel mehr stand vor uns ein Ingenieur von 82 Jahren, aber voller Tatendrang, der vor allem über seine Berechnungen und Konzepte reden wollte, wie die Menschheit den Mars besiedeln könnte.“

Aber er hat schon auch über den Mond geredet, oder?

„Klar! Aber der Flug zum Mond war für ihn, den ehemaligen Piloten im Korea-Krieg, nur eine Mission von vielen. Er hat uns damals von seiner Reaktion berichtet, als die NASA ihn für die Mission zum Mond nominiert hatte. Er hat die Wahrscheinlichkeit zu überleben mit seinen Einsätzen in Korea verglichen, und weil diese Wahrscheinlichkeit aus seiner Sicht besser war, hat er zugesagt.“

Und was hat Buzz Aldrin aus dem All berichtet?

„Ganz unterschiedlich: Er hat beschrieben, wie die Astronauten mit geschlossenen Augen Lichtblitze sahen, weil die Radioaktivität im Weltall durch die Augenlieder auf die Netzhaut wirkte. Er hat erzählt, wie sehr er und Neil Armstrong vor allem mit dem dritten Mann der Mission, Michael Collins, mitfühlten, der alleine seine Runden um den Mond drehen musste, während die beiden zusammen über die Mondoberfläche liefen. Aber Aldrin hat zum Beispiel auch berichtet, wie er nach der Mission mit der NASA darüber diskutieren musste, ob er jetzt das Busticket für die Anreise zum Start der Mondrakete erstattet bekommt oder nicht.“

Wie lautet Dein Fazit, sieben Jahre nach dem Dreh?

„Die Begegnung mit Buzz Aldrin war faszinierend. Man hat gespürt: Der Mann war wirklich da oben. Und das ist es auch, was geblieben ist: Das Gefühl, ein wenig von dem Sternenstaub abbekommen zu haben, den er von da draußen mitgebracht hat. Ich bin sehr dankbar, dass mir mein Job diese Begegnung ermöglich hat.“

Vanessa McGivern

Martin Spingys

Head of Audiovisual Media bei Bayer