Suppe gegen die Kälte

In den kalten Wintermonaten ist das Leben für Menschen auf der Straße besonders hart. Die Temperaturen sind eisig, die Not ist groß – und die Hilfsbereitschaft auch. Bayer-Mitarbeiterin Anja Reichelt engagiert sich in einem Kölner Verein, der Obdachlose mit dem Nötigsten versorgt. Unterstützung gibt es unter anderem von der Bayer-Stiftung.

Eineinhalb Jahre hat der Verein „Freunde der Kölner Straßen und ihrer Bewohner e.V.“ einen Vereinssitz gesucht. Nun ist er endlich gefunden: ein ehemaliges Ladenlokal, in dem zuvor ein Blumenladen ansässig war. Hier bereiten sich Anja Reichelt und die anderen eingeteilten Helfer auf die nächste Abendschicht vor.

Reichelt ist eine von 12 Mitgliedern im Kernteam des Vereins, die sich mit der Unterstützung freiwilliger Helferinnen und Helfer ehrenamtlich um Kölner Obdachlose kümmern. Tagsüber ist sie bei Bayer als Junior Consultant für Change und Performance Management beschäftigt und verbringt ihre Arbeitszeit mit der Unterstützung globaler Projekte. In dem Kölner Verein, für den sie sich seit über drei Jahren engagiert, geht es um das Leben und Überleben auf der Straße. Hier versorgt sie am Abend gemeinsam mit den anderen Helfern obdachlose Frauen und Männer mit Kaffee, Suppe, Kleidung sowie Hygieneartikeln und manchmal auch mit Isomatten und Schlafsäcken.

Den Verein gibt es seit knapp vier Jahren. Die ersten Mitglieder wurden anfänglich über soziale Netzwerke akquiriert: „Angefangen haben wir ganz klein: Das erste Mal sind wir mit fünf Leuten, Kaffee und Tee losgezogen. Danach war dem Gründerteam schnell klar: Das sollten wir öfter und vor allem regelmäßig machen. Und mit frisch gekochtem Essen.“

Mittlerweile ziehen die Ehrenamtler nicht mehr abends mit einem Bollerwagen los, sondern in einem – mit Spenden finanzierten – „Kältebus“, einem Mercedes-Sprinter. Die Ladefläche haben sie so umgebaut, dass sich die zu verteilenden Lebensmittel, Anziehsachen und Hygieneartikel gut verstauen lassen.

Die Saison für den Kältebus startet mit Herbstbeginn und geht bis zum Sommer. Zweimal wöchentlich, montags und mittwochs, steuert der Bus um 20 Uhr den Breslauer Platz am Kölner Hauptbahnhof und anschließend viele Schlaf- und Aufenthaltsplätze der Bedürftigen an, die sich über das ganze Stadtgebiet verteilen. Die Versorgung und Betreuung wird immer „bedarfsgerecht“ und möglichst nachhaltig gestaltet. Manchmal, wenn es besonders eisig ist, ist der Kältebus auch sieben Tage die Woche und dann bis in die frühen Morgenstunden unterwegs und über eine mobile Nummer telefonisch für Kölner Bürgerinnen und Bürger erreichbar.

Wenn Anja Reichelt eine Versorgungstour leitet, fährt sie nach Feierabend ins Vereinsbüro, um die großen Thermoskannen mit Kaffee und Tee zu füllen. Anschließend holt sie gut 25 Liter frisch gekochte Suppe bei lokalen Gastonomen ab, mit denen der Verein kooperiert und die die Suppe kostenlos zur Verfügung stellen. Danach geht es zu den festgelegten Treffpunkten, wo sie auf weitere Helfer trifft. An einem Abend werden im Schnitt bis zu 100 obdachlose Menschen von dem „Freunde der Kölner Straßen“-Team betreut.

Corinna Groß

Viele Menschen haben falsche Vorstellungen von Obdachlosen.

„Viele Menschen haben falsche Vorstellungen von Obdachlosen“, sagt Reichelt. Rund 5.000 Menschen soll es zum Beispiel in Köln geben, die sich wohnungslos gemeldet haben. „Das sind oft ganz normale Menschen, die aus unterschiedlichsten Gründen draußen leben.“ Manchmal aufgrund von Schicksalsschlägen, wie dem Tod eines geliebten Menschen. Und dann folgt eine Abwärtsspirale: Depression, Jobverlust, kein Geld mehr, Rausschmiss aus der Wohnung und schließlich das Leben unter der Brücke.

„Wenn es kalt wird und ein Mann eine Glatze hat, fragen wir: Wie wäre es mit einer Mütze?“, erzählt Reichelt. Für diese Menschen sind die „Freunde der Kölner Straßen und ihrer Bewohner“ oft der einzige Kontakt zur normalen Welt. „Indem wir Essen, Kaffee und Anziehsachen anbieten, bauen wir ihnen eine Brücke und machen deutlich, dass wir ein offenes Ohr für sie haben – und sie dabei so nehmen, wie sie sind.“

Der Verein hilft nach Kräften, aber er benötigt auch Hilfe. Nicht nur Bayer fördert die Arbeit mit jährlichen vierstelligen Summen. Mehrere Gastronomen unterstützen den Verein, indem sie Essen gratis zur Verfügung stellen. Außerdem verbindet eine enge Partnerschaft den Verein mit dem Fußballclub 1. FC Köln, mit dem dieses Jahr erstmalig eine gemeinsame Weihnachtsfeier für obdachlose und bedürftige Menschen ausgerichtet wird.

Oft melden sich auch Privatpersonen, die Kleidung spenden möchte. Gesammelt wird alles im Lager des neuen Vereinssitzes. Momentan ist es bis unter die Decke vollgepackt mit Shirts, Pullis, Jacken, Socken, dazu bergeweise Hygieneartikel, von Zahnpasta bis Damenbinden. „Das muss nun alles erst einmal an die Frau und den Mann gebracht werden“, sagt Reichelt und setzt sich hinters Steuer. Es ist dunkel draußen und kalt; ein Zeichen dafür, dass die nächste Schicht beginnt.

Die Saison für den Kältebus startet mit Herbstbeginn.

Kältebus in Köln

Die „Freunde der Kölner Straßen und ihrer Bewohner“ waren 2016 die ersten in Köln, die einen „Kältebus“ in Betrieb nahmen, um Obdachlose zu versorgen. In vielen Städten gehören solche Busse – manchmal auch „Wärmebus“ oder „Gute-Nacht-Bus“ genannt – zum Straßenbild. Träger sind in Deutschland zumeist städtische Einrichtungen oder Hilfsorganisationen wie das Deutsche Rote Kreuz und der Johanniterorden. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Bussen versorgen die Obdachlosen nicht nur mit Essen und Anziehsachen, sondern informieren auch über Notschlafunterkünften und andere Hilfsangebote.

Menschen, die sich nicht in einem Verein engagieren, können Obdachlosen ebenfalls helfen. Sehen sie einen auf der Straße lebenden Menschen, der Hilfe nötig zu haben scheint, sollten sie zuerst fragen, welche Art von Hilfe gebraucht wird, und dann gegebenenfalls den Kältebus anrufen. In Köln ist er erreichbar unter den Nummern 0176 240 71 312. Weitere Informationen gibt es hier.