SMS gegen den Hunger

Viele Kleinbäuerinnen in Afrika haben ein besonderes Problem: Sie haben kein Konto und können daher schlecht Geld sparen, um davon Saatgut und Dünger zu kaufen. Das will ein Startup ändern und damit den Frauen helfen, der Armut zu entfliehen. Die Frauen brauchen nur Kleingeld – und ein Handy.

Viele Kleinbäuerinnen in Afrika haben ein besonderes Problem: Sie haben kein Konto und können daher schlecht Geld sparen, um davon Saatgut und Dünger zu kaufen. Das will ein Start-up ändern und damit den Frauen helfen, der Armut zu entfliehen. Die Frauen brauchen nur Kleingeld – und ein Handy.

„Jeder Tag ist ein Kampf ums Überleben“, sagt Fatou Faye. Sie steht morgens um fünf Uhr auf, um am Brunnen Wasser zu holen. Dort trifft sie die anderen Frauen aus ihrer Ortschaft, die Mbellengout heißt und im Senegal liegt. „Wasser ist das größte Problem, denn der Brunnen hat leider nicht genug für alle“, sagt die Kleinbäuerin und Mutter von vier Söhnen und drei Töchtern. Ihr Mann starb 2006. Neben dem Kampf ums Wasser stellt die Nahrung ein zweites Problem dar. Die Gerichte bestehen vor allem aus Hirse. „Ich wünschte, ich könnte meinen Kindern auch Fisch, Fleisch oder Nudeln geben“, sagt Faye. Aber dafür fehlt das Geld. Das dritte große Problem: ohne Geld kein Saatgut oder Dünger, d. h., sie wird keine Ernte produzieren. Zum Glück hat Fatou Faye, wie die meisten Menschen in der Region, ein Handy. Es ist alt, aber das ist egal.

70 Prozent der Landwirte in der westafrikanischen Region, wo das Durchschnittseinkommen 1 bis 2 US-Dollar pro Tag beträgt, sind Frauen. Der Boden, den sie bewirtschaften, umfasst zwei bis fünf Hektar. Er ist so schlecht, dass sie Dünger brauchen. Aber so mühevoll ihr Tagesablauf auch erscheinen mag – es ist Besserung in Sicht. Und das liegt an Anushka Ratnayake und ihrem Start-up myAgro.

Ratnayake entwickelte folgende Geschäftsidee: Ein großes Problem der Kleinbäuerinnen besteht darin, dass sie keinen Zugang zu Banken haben. Sie haben keine Konten, erhalten keine Kredite. Sie sind von der Finanzwirtschaft, die Männersache ist, faktisch ausgeschlossen. Ohne Konto und Kreditmöglichkeit fällt es den Frauen sehr schwer, die nötigen Beträge anzusparen, um Dünger oder Saatgut zu kaufen.

myAgro bietet die Möglichkeit, minimale Geldbeträge, wie die Bäuerinnen sie ab und an übrig haben, zur Seite zu legen. Sie kaufen für das Kleingeld bei ihrem lokalen Händler eine myAgro-Card, auf der ein Code steht, schicken eine SMS mit dem Code an myAgro, und schon ist die Summe auf ihrem myAgro-Konto gutgeschrieben. „Es ist für uns unmöglich, auf einen Schlag 4.000 CFA-Francs (umgerechnet 14 US-Dollar) zu haben, um Dünger zu kaufen“, sagt Fatou Faye. Aber peu à peu Mini-Beträge sparen – kein Problem.

„Wir verlangen nicht von den Kleinbauern, dass sie ihr Verhalten an ein veraltetes Finanzsystem anpassen. Wir verändern das Finanzsystem und passen uns den Kleinbauern an“, sagt Anushka Ratnayake, die ihr Start-up – obwohl es sich an Frauen ebenso wie an Männer richtet – ausdrücklich als Beitrag zur Emanzipierung der Frauen begreift. Ratnayakes Ziel: das Durchschnittseinkommen der Kleinbauern um 1,5 US-Dollar pro Tag zu erhöhen.

Monika Lessl

Durch die Zusammenarbeit wollen wir myAgro unterstützen, das Geschäftsmodell auszuweiten und die Frauen auch im Bereich der Gesundheit für Ihre Familien unterstützen

Um dies zu schaffen, geht die Gründerin Partnerschaften ein, etwa mit Hilfsorganisationen der katholischen Kirche. Bill Gates, Microsoftgründer, hat schon in seinem Blog über myAgro berichtet. Und auch Bayer unterstützt das Start-up – mit mehr als 600.000 US-Dollar. „Kooperationen sind für uns wichtig in allen Bereichen, um Innovation voranzutreiben. Durch die Zusammenarbeit wollen wir myAgro unterstützen, das Geschäftsmodell auszuweiten und die Frauen auch im Bereich der Gesundheit für ihre Familien unterstützen“, sagt Dr. Monika Lessl, Leiterin des Bereiches Corporate Innovation and R&D bei Bayer. „Wir zeigen damit unsere Verbundenheit mit den Menschen in den Ländern. Jede Verbesserung der Situation kommt vor allem den Kindern zugute“, ergänzt Oliver Gierlichs, Managing Director West Central Africa bei Bayer.

Fatou Fayes erste Anschaffung mithilfe von myAgro war Dünger für Erdnüsse und Hibiskus. „Als mein Feld in Blüte stand, war ich überwältigt“, sagt sie. Andere Frauen kamen herbei, begutachteten das Ergebnis, waren ebenfalls begeistert und wurden myAgro-Mitglieder. „Wegen des Düngers ist mein Erdnuss-Samen besser denn je“, schwärmt Fatou Faye.

Geht es nach der Gründerin Anushka Ratnayake, soll das Startup bis 2025 eine Million Menschen erreichen und von der Armut befreien. Fatou Faye denkt in kleineren Dimensionen – ihr ist in erster Linie ihre Familie wichtig. „Je besser die Ernte, umso einfacher ist es für mich, uns zu versorgen“, sagt sie. Früher zum Beispiel sei es hart gewesen, die Schulgebühren für die Kinder zu zahlen. „Jetzt verkaufe ich einfach von meinem guten Erdnuss-Samen – und das Problem ist gelöst.“

Die Bäuerinnen profitieren von der Zusammenarbeit mit myAgro.

Die Kraft der sozialen Innovationen

Wenn es um Innovationen geht, ist meistens von Technologien die Rede. Es gibt aber auch soziale Innovationen: Sie eröffnen Menschen Wege, die ihnen bisher versperrt waren, und tragen auf diese Weise dazu bei, Lebensbedingungen zu verbessern.

myAgro ist eine solche soziale Innovation. Bayer unterstützt das Startup, damit es auch auf weitere Regionen ausgeweitet werden kann. „Wir gehen ganzheitlich an das Thema Innovation heran. Soziale Innovationen gehören dazu“, sagt Thimo Schmitt-Lord, Leiter Foundations & Donations und Vorstand der Bayer-Stiftungen. „Indem wir mit sozial engagierten Unternehmen zusammenarbeiten, helfen wir, globale Systeme umzugestalten und gesellschaftliche Fortschritte zu beschleunigen, vor allem, wenn es um Ernährung und Gesundheit geht.“

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So hat die Bayer Cares Foundation zum Beispiel den „Aspirin Social Innovation Award“ ins Leben gerufen: Seit 2010 zeichnet die Stiftung mit dem Preis innovative Social Impact Pioniere aus, die neue Lösungen im Bereich Gesundheit und Ernährung entwickeln. Des Weiteren arbeiten die Bayer-Stiftungen mit führenden NGOs und Impact Programmen zusammen, beispielsweise dem „Global Impact Accelerator“, der Startup-Messe Slush in Helsinki oder dem World Health Summit in Berlin.
Am Beispiel von myAgro zeigt sich, wie facettenreich und nachhaltig der Einsatz für soziale Innovationen ist. So fördern myAgro und Bayer nicht nur das Sparen für Dünger und Saatgut in der Art eines Prepaidmodells. Es geht auch darum, ein gesundheitliches Problem in den Griff zu bekommen: Viele Familien in den ländlichen afrikanischen Regionen leiden unter epidemieartigen Wurminfektionen. Die Medikamente sind für die Menschen oft unerschwinglich. Deshalb unterstützen myAgro und Bayer eine Entwurmungsinitiative, die den Kindern von Kleinbauern kostenlos Medikamente zur Verfügung stellt.