• Schutz für eine empfindliche Diva

    Landwirt Stefan Reijntjens kontrolliert regelmäßig seine Saatkartoffeln. So kann er auch gefährliche Lagerkrankheiten rechtzeitig erkennen und rasch handeln.

Heiß, gesund und lecker: So mag Stefan Reijntjens sein Mittagessen. Beim Blick auf die dampfenden Pellkartoffeln, die neben Spinat auf seinem Teller liegen, läuft ihm das Wasser im Mund zusammen.

Denn der dunkelhaarige Landwirt aus Rutten in den Niederlanden liebt seine Kartoffeln – auf dem Teller wie auf dem Feld. Und er kennt die ganze Vielfalt der Knollen: „Es gibt viele verschiedene Sorten, die sich für ganz unterschiedliche Gerichte eignen“, erklärt er, während er die Erdäpfel mit dem Messer zerteilt. „Hierfür“, sagt er und spießt ein Stück dampfende Pellkartoffel auf die Gabel, „eignet sich beispielsweise die Sorte Musica.“ Denn sie hat eine ansprechende tiefgelbe Farbe, eine glatte Schale und ist festkochend.

45.000 kg

Kartoffeln erntet Reijntjens jährlich pro Hektar. 

Nach der Mittagspause streift sich Reijntjens wieder seinen blauen Anorak über, zieht die schwarzen Arbeitsstiefel an und macht sich auf den Weg ins Feld. Denn solange die Knollen noch in der Erde sind, geht der Kartoffelfarmer mindestens einmal pro Woche durch die Reihen der Ackerpflanzen und erkennt mit geübtem Blick beschädigte oder kranke Gewächse. Die zieht er dann mit einem Ruck aus dem Boden, denn: „Durch die intensive Kontrolle verhindern wir, dass sich Pilze, Bakterien oder Viren ausbreiten“, erklärt Reijntjens.

Ein Tag auf dem Kartoffelbauernhof

Nur mit größter Sorgfalt kann er die hohen Qualitätsstandards erfüllen, die von seinen Saatkartoffeln gefordert sind: Je nach Anbau unterscheidet man zwischen Stärke-, Speise- und Saatkartoffeln. Die kleineren Saatkartoffeln hingegen dienen als Saatgut, aus dem wiederum Speise- oder Stärkekartoffeln wachsen. Manche Landwirte haben sich auf die Produktion von Saatkartoffeln spezialisiert – wie auch Stefan Reijntjens. Er holt jährlich pro Hektar etwa 45 Tonnen der Knollen aus der Erde. „Die sortieren wir nach Größe und verkaufen sie an Händler, die die Erdäpfel in alle Teile der Welt ausliefern“, erklärt er.

Bei der Entwicklung von Pflanzenschutzmitteln ist uns ein intensiver Kontakt mit den Landwirten vor Ort wichtig.

Die kleinen Knollen dürfen keine Schädlinge oder Krankheiten in sich tragen: „Denn aus minderwertigen Saatkartoffeln wachsen schlechte Speisekartoffeln“, so Reijntjens. Er pflegt seine Felder deshalb mit viel Sorgfalt: So baut der Farmer seine Kartoffelpflanzen nur alle sechs Jahre auf demselben Feld an. In der Zwischenzeit wachsen dort Zwiebeln, Chicorée oder Zuckerrüben. Durch diesen Fruchtwechsel bleibt der Boden fruchtbar – die Garantie für üppige und gesunde Pflanzen.

Rundumschutz für den Pommes-Rohstoff

Trockenfäule, Wurzeltöterkrankheit, Kraut- und Knollenfäule – das sind die größten Feinde der Kartoffelfarmer. Diese Pilzkrankheiten können ganze Ernten vernichten. Die Kraut- und Knollenfäule beispielsweise schrieb bereits Geschichte: Mitte des 19. Jahrhunderts verursachte diese „Kartoffelpest“ in Irland eine extreme Hungersnot – rund eine Million Menschen starben. Und auch heute ist die Fäule noch ein weltweites Problem.

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Aber mittlerweile haben Pflanzenforscher schlagkräftige Gegenmittel entwickelt. Das Mittel Infinito™ beispielsweise wirkt gegen alle Stadien des Pilzes Phytophtora infestans, den Auslöser der Kraut- und Knollenfäule. „Bei der Entwicklung von Pflanzenschutz ist uns ein intensiver Kontakt mit den Landwirten vor Ort wichtig“, erklärt der Kartoffelexperte Albert Schirring von Bayer CropScience. Er und sein Team unterstützen die Farmer weltweit bei der Pflege der Ackerpflanzen: Fungizide kontrollieren Pilzbefall und helfen so, gesunde und üppige Kartoffelernten aufzubauen.

Doch der wirkungsvollste Schutz beginnt bereits lange, bevor der Bauer die Knollen in die Erde legt – beim sogenannten Beizen. Dabei werden die Saatkartoffeln gleichmäßig mit einem speziellen Wirkstoff überzogen. Ein effektives Beizmittel ist etwa Emesto™. Das Fungizid macht gefürchteten Pilzkrankheiten wie Rhizoctonia-Fäule oder Silberschorf mit einem neuen Wirkprinzip den Garaus. Zusätzlich verhilft die Substanz den Knollen zum erfolgreichen Schnellstart im Boden: Die Pflanze keimt früher und wächst schneller als ihre unbehandelten Kollegen.

Und der Wirkstoff bleibt dort, wo er helfen soll. Karl-Wilhelm Münks von Bayer CropScience erklärt: „Das Mittel verteilt sich lokal unterirdisch in den Knollen und an den Sprossen. Dadurch reicht sehr wenig Wirkstoff für einen effektiven Schutz der Knollen aus.“ Die Substanz ist bereits unter anderem in Kanada und den USA zugelassen, wo sie schon sehnsüchtig erwartet wurde: „Die Farmer warteten mit der Anpflanzung der Kartoffeln, bis Emesto™ im Mai eintraf“, erzählt David Kikkert von Bayer CropScience Canada. Auch in China und Indien, zwei großen Kartoffelproduzenten, soll das Mittel eingeführt werden. Emesto™ ist das Ergebnis mehrerer Jahre intensiver Forschungsarbeit in den Laboren und auf den Versuchsfeldern von Bayer CropScience.

Manchmal muss es aber viel schneller gehen – zum Beispiel 2009 in Neuseeland. Dort sorgte die Krankheit „Zebra Chip Disease“ für Aufruhr unter den Kartoffelfarmern. Übeltäter waren Bakterien, die sich innerhalb weniger Jahre über Blattflöhe auf der Insel verbreitet hatten. Die Winzlinge programmieren die Kartoffel so um, dass sie ihre Stärke in Zucker umwandelt. Das führt beim Braten oder Frittieren zu dunkelbraunen Streifen auf Chips oder Pommes – daher auch der Name Zebra-Krankheit. Zudem schwächen die Erreger die Pflanzen und mindern die Ernten. Nur wenige Jahre, nachdem das Problem erstmals aufgetreten war, konnten Forscher von Bayer CropScience einen wirksamen Schutz präsentieren. Gegen die Insekten, die die Erreger übertrugen, entwickelten die Kartoffelexperten gleich zwei Substanzen: Movento™ und Oberon™. Die Mittel wurden in Neuseeland sehr schnell registriert und mit ihrer Hilfe konnte die Pflanzenkrankheit bald eingedämmt werden.

Auch gegen Schädlinge und Krankheiten geht Reijntjens vor. Vor allem Pilze sind eine große Gefahr für die runden Feldfrüchte, sie können die Qualität des ganzen Bestands erheblich gefährden. Und: Ihre Sporen sind schwer zu kontrollieren. „Es kann passieren, dass die Erreger bei gleicher Bewirtschaftung auf dem einen Feld auftreten und beim Nachbarn nicht“, sagt Reijntjens und zieht eine Pflanze mit welken Blättern aus der Erde „Deshalb müssen wir mit verschiedenen Methoden vorbeugen.“ Zusätzlich zu den regelmäßigen Kontrollgängen verwendet der Landwirt Pflanzenschutzmittel, damit die schädlichen Krankheiten gar nicht erst entstehen.

Dr. Huub Schepers

Interview mit Dr. Huub Schepers, Pflanzenforscher an der Wageningen Universität in den Niederlanden:

„Die verheerendste aller Kartoffelkrankheiten“

Wie wichtig ist es für einen Kartoffelbauern, die Kraut- und Knollenfäule im Griff zu haben?
Sehr wichtig. Weltweit ist die Kraut- und Knollenfäule die verheerendste Krankheit, von der die Kartoffel befallen werden kann. Sie wird von Phytophthora infestans – einem Erreger aus der Klasse der Eipilze – ausgelöst. Weltweit richtet dieser Krankheitserreger pro Jahr einen wirtschaftlichen Schaden in Höhe von rund zehn Milliarden Euro an. In Anbaugebieten, in denen das Klima das Wachstum der Erreger begünstigt, müssen die Kartoffelbauern ihre Pflanzen entweder während der gesamten Anbausaison mit Pflanzenschutzmitteln behandeln oder von vornherein Kartoffelsorten wählen, die resistent gegen die Kraut- und Knollenfäule sind. Ein einziger Fehler bei der Wahl des Anbauzeitpunkts oder der Kartoffelsorte kann zu enormen Schaden aufgrund dieser Krankheit führen.

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Warum ist Phytophthora infestans so zerstörerisch?
Wenn die Wetterbedingungen für den Erreger gut sind, durchläuft er im Laufe von nur drei bis fünf Tagen einen ganzen Lebenszyklus. Innerhalb dieser Zeit werden Millionen von Sporen produziert und vom Wind auf andere ungeschützte Pflanzen transportiert. Dadurch kann der Erreger innerhalb von zwei Wochen die Vegetationsschicht, die den Kartoffelbestand schützen soll, zerstören. Zudem können die Erreger in die Erdfurchen gelangen, wo sie die Knollen infizieren und dadurch nicht nur die Photosynthese der Blätter zerstören, sondern auch die gesamte Ernte, die gerade im Wachstum war.

Wo tritt die Kraut- und Knollenfäule am häufigsten auf?
Vor allem in feuchten Klimagebieten ist sie sehr verbreitet. Das können maritime Regionen wie der Nordwesten Europas, aber auch Gebirgsgegenden mit häufigem Niederschlag wie die Anden sein. In Gebieten, in denen viel Kartoffelanbau betrieben wird, ist das Infektionsrisiko höher. In tropischen und subtropischen Regionen, wo Kartoffeln in verschiedenen Höhen angebaut werden, ist es sogar noch höher, weil hier ganzjährig angebaut wird.

Wie kann die Kraut- und Knollenfäule nachhaltig kontrolliert werden?
Der Erreger kann nur durch eine ganzheitliche Strategie in Schach gehalten werden, die auf einer Serie von verschiedenen Methoden beruht. Zuallererst müssen die Infektionsquellen wie etwa Ablagerungen und infiziertes Saatgut dezimiert werden. Als Nächstes sollten resistente Sorten gewählt werden, um den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu reduzieren. Als dritter Schritt sollte die starke Wirkung der Mittel möglichst gezielt zum Einsatz gebracht werden, um ihre Effektivität voll auszunutzen. Und als Viertes sollte ein datenbasiertes System benutzt werden, das alle relevanten Informationen bündelt und organisiert.

Warum ist es so schwierig, diese Krankheit zu behandeln?
Dem Erreger fällt es sehr leicht, sich an verschiedenste Lebensbedingungen anzupassen. Er erhöht seine Aggressivität, indem er seinen Lebenszyklus verkürzt, mehr Sporen produziert, die Resistenz der Anbausorten bricht und selbst eine Resistenz gegen manche Fungizide aufbaut. Aus diesem Grund muss das Kontrollsystem ständig an den mutierenden Erreger angepasst werden.

Woran arbeitet Ihr Forschungsteam zurzeit?
Ein wichtiger Teil unserer Arbeit ist das Beobachten des Erregers während seiner Wachstumsphase. Was für Einzelkulturen gibt es? Wie aggressiv sind sie? Wie hoch ist die Infektionsgefahr für resistente Anbausorten? Und wie resistent sind diese Einzelkulturen gegen Pflanzenschutzmittel? Wir nutzen die Möglichkeiten neuer Technologien, um Fragen wie diese schnell und effizient zu beantworten. Diese Erkenntnisse können dann während der Anbausaison genutzt werden, um bei Bedarf die Kontrollstrategie an die Eigenschaften der Erreger anzupassen, die in der jeweiligen Region verbreitet sind.

Kampf gegen die Kartoffelfäule

Stefan Reijntjens lagert in seinem Keller einige Diven: Sie heißen etwa Lady Anna, Lady Claire oder Avarna und sind Kartoffelsorten, die der Landwirt im Herbst geerntet hat. In anderthalb Meter hohen Kisten liegen die Knollen in Reijntjens’ riesiger Lagerhalle: Sieben Meter hoch – bis unter die Decke – stapeln sich die Behälter. Aber was einfach aussieht, erfordert spezielles Wissen. Denn: Die Aufbewahrung von Kartoffeln ist eine ganz besondere Kunst. „Wir ernten im September und lagern bis ins Frühjahr. Da kann einiges passieren“, erklärt der Farmer. „Die Kartoffel lebt nach der Ernte weiter.“ Bei zu viel Licht und Wärme etwa keimt sie und bildet giftiges Solanin – so kann die Knolle nicht mehr verkauft werden. Ist dagegen die Luftfeuchtigkeit zu gering, verliert die Feldfrucht viel Wasser, schrumpelt und ist ebenfalls nichts mehr wert.

Die wichtigsten Kartoffelanbauländer der Welt

Die Kartoffel ist also eine echte Diva. Und der Farmer muss sie auch im Lager bei Laune halten, damit sie gesund und frisch bleibt: „Das schaffen wir nur durch regelmäßige Qualitätskontrollen“, erklärt Reijntjens. So erkennt er auch gefährliche Lagerkrankheiten wie den Silberschorf, der durch den Pilz Helminthosporium solani verursacht wird – und kann schnell handeln. „Aber solche Probleme hatten wir bisher nicht“, erzählt er, während er eine Knolle aus der aktuellen Ernte mit den Fingern prüft. Schon auf dem Acker beugt der Kartoffelfarmer mit wirksamen Pflanzenschutzlösungen von Bayer gegen Krankheiten und Schädlinge vor – und pflegt seine Zöglinge sorgfältig.

5.000

verschiedene Kartoffelsorten gibt es in etwa weltweit.

Aber für Landwirte wie Stefan Reijntjens beginnt die Sorge um die Kartoffel schon lange vor Ernte und Lagerung: bei der Auswahl der richtigen Sorten, denn weltweit gibt es etwa 5.000 verschiedene. Sie unterscheiden sich beispielsweise in Form, Stärkegehalt oder der Farbe von Schale und Fleisch. Dadurch eignen sie sich für verschiedene Zwecke: Die längliche Lady Anna taugt vor allem für Pommes Frites, die rundliche Lady Claire fühlt sich in der Chips-Packung wohl, und Avarna wird am liebsten zu Kartoffelstärke verarbeitet. Außerdem sind die Bedürfnisse je nach Region unterschiedlich. In Amerika sind Riesenknollen von etwa 15 Zentimeter Länge für die Pommes-Frites-Produktion gefragt. Die Franzosen wiederum servieren am liebsten Frischkartoffeln – klein, rund und ungeschält.

Der Landwirt muss also ganz genau wissen, was auf dem Markt gefragt ist. Danach wählt er seine Sorten jedes Jahr aufs Neue für den Anbau aus. Reijntjens informiert sich über die Marktsituation bei seinen Abnehmern und baut unterschiedliche Sorten Saatkartoffeln an: „Da eignen sich welche als Tafelkartoffeln, andere für die Weiterverarbeitung zu Chips oder Pommes“, sagt er. So hat Reijntjens immer eine gute Mischung für den Markt – und jeder Kartoffelfan sein Lieblingsprodukt auf dem Teller oder in der Tüte.