• Salz – die neue Gefahr für Reisbauern

    Die 62-jährige Do Thi Hai untersucht die Schäden an ihren Reispflanzen, die durch das Salzwasser entstanden sind.

Im vietnamesischen Mekong-Delta dringt salziges Meerwasser über Flüsse und Gräben immer tiefer ins Landesinnere vor und vernichtet die Reisernten. Das Problem hat sich zur ernsthaften Bedrohung entwickelt – nicht nur für die Farmer: Als weltweit zweitgrößter Reisexporteur trägt Vietnam wesentlich zur Ernährung der Weltbevölkerung bei.

Do Thi Hai lebt am Rande ihrer Reisfelder. Wie Wellen wiegen die Reispflanzen hin und her und biegen sich widerspenstig zur Seite, wenn Do Thi Hai ihr kippeliges Kanu durch die Felder steuert. Sie ist jetzt 62 Jahre alt und hat von der Welt nicht viel mehr gesehen als ihr Dorf und die kleinen Farmen drum herum. Will sie auch gar nicht. Sie mag nirgendwo anders leben als hier, im mächtigen Mekong-Delta, an der Südspitze Vietnams. Hier ist sie geboren und aufgewachsen, hier hat sie ihre Kinder bekommen und ihren Mann begraben, und hier hat sie Jahr für Jahr den Reis für sich und ihre Familie geerntet. Bis das Salz kam.

Salz bedroht derzeit die Existenz von Millionen Reisbauern in der ganzen Region. Über das weit verzweigte Geäst aus Gräben und Kanälen dringt Meerwasser von der Küste aus immer tiefer ins Landesinnere vor und erhöht den Salzgehalt im Wasser, das über die Reisfelder fließt. Es schadet den Reissetzlingen, denn die Wurzeln können sich so nicht richtig entwickeln. Die Blätter werden gelb, die Pflanzen verkümmern und die Ernten verderben.

Salz bedroht die Existenz von Do Thi Hais Familie

Das sogenannte El-Niño-Phänomen erreichte in der ersten Jahreshälfte seinen Höhepunkt nach 100 Jahren: Hitzewellen, Dürren und Eindringen von Salzwasser stellten für die landwirtschaftliche Produktion und das Leben der lokalen Bevölkerung eine ernsthafte Bedrohung dar. Es wird geschätzt, dass die landwirtschaftlichen Verluste in dem Mekong-Deltas rund 4,7 Billionen vietnamesische Dong (circa 210 Millionen US-Dollar) betrugen. Laut einem aktuellen Bericht (Stand: Juni 2016) des Ministeriums für Landwirtschaft und ländliche Entwicklung in Vietnam ist die durch Salzwasser beschädigte Fläche des Gebietes, welches für die Shrimp-Zucht verwendet wird, 83.000 Hektar groß. Zur gleichen Zeit waren rund 232.000 Hektar Reisfelder, 6.561 Hektar Ackerland und mehr als 10.800 Hektar Obst- und Industrie-Bäume betroffen.

Die Bauern selbst tragen Mitschuld an der Situation: Um Baumaterial zu gewinnen, holzten sie über Jahre hinweg die dichten Mangrovenwälder im Uferbereich ab und beseitigten so eine natürliche Barriere gegen das Meerwasser. Zusätzlich begradigten sie auch noch die Flüsse und Gräben im Küstenbereich, um das Fließwasser besser zu ihren Feldern zu leiten. Zur Trockenzeit haben sie schon lange keinen Reis mehr anbauen können. „Aber bisher kam in der Regenzeit immer der Monsun und spülte das Salzwasser zurück in den Ozean“, erzählt Do Thi Hai.

Mit der Nassreisanbau-Methode werden etwa 80 Prozent der weltweiten Reisernte produziert.

Setzlinge gedeihen im Wasser

Im Mekong-Delta ist der Nassreisanbau üblich. Dabei ziehen die Bauern die Sämlinge erst ein bis zwei Monate lang in Saatfeldern heran und setzen sie dann in gepflügte Reisfelder um. Diese Parzellen fluten sie vorab mit Regen- oder Flusswasser, denn das hält Unkraut und Schädlinge fern. Obwohl Reis keine Wasserpflanze ist und deshalb in trockenen Feldern ausgesät werden muss, gedeihen die herangezogenen Setzlinge auch im Wasser. 

Mehr lesen

Während der folgenden Monate muss die Höhe des Wasserspiegels allerdings immer konstant bleiben, damit die Pflanzen weder vertrocknen noch verfaulen. Für ein Kilogramm Reis benötigt man bei dieser Anbauweise zwischen 3.000 und 5.000 Liter fließendes Wasser. Kurz vor der Ernte (nach 90 bis 130 Tagen) legt der Bauer das Feld trocken. So kann das Korn endgültig reifen. Mit dieser Methode werden etwa 80 Prozent der weltweiten Reisernte produziert.

Doch nun hat sich die Situation im Delta dramatisch verschärft. Schuld ist der Klimawandel: Das konstante Rauschen des Regens, seit Jahrtausenden die Musik der Regenzeit in Vietnam, ist im vergangenen Jahr nahezu ausgeblieben. Die spärlichen Regenfälle reichten nicht, um die Felder reinzuwaschen. Und die Staudämme halten mittlerweile einen Teil der nährstoffreichen Wassermassen auf, die der Mekong mit sich führt. Zugleich ist der Meeresspiegel in den vergangenen Jahrzehnten Millimeter um Millimeter angestiegen, so dass das Salzwasser immer tiefer ins Inland schwappt.

Als die Versalzung vor etwa zwei Jahrzehnten erstmals in der Trockenzeit auftrat, stellten die Bauern auf ein Rotationsprinzip um. In der Monsunzeit bauten sie weiterhin Reis an und in der Trockenzeit fluteten sie ihre Felder mit Salzwasser, um auf den Parzellen Shrimps zu züchten. Auch Do Thi Hai probierte es aus: „Diese Methode hat mehr als 15 Jahre lang unser Einkommen gesichert.“ Doch mit der misslungenen Reisernte der letzten Saison ist nun auch ihre Shrimpszucht bedroht. Die Tiere ernähren sich von Pflanzenresten auf den Parzellen, das heißt, ausbleibende Ernte bedeutet gleichzeitig einen Mangel an natürlichem Futter für die Shrimps.

Corinna Groß

Die Farmer im Mekong-Delta brauchen robuste und ertragreiche Reissorten, die auch in sehr salzhaltigem Wasser gedeihen.

Nguyen Thanh Hoan Hao, Saatgut-Spezialist bei Bayer in Vietnam

Mit seiner Forschung hilft Bayer den Bauern im Delta: Bei der Entwicklung neuer Hybrid-Reissorten passt das Unternehmen die Eigenschaften des Saatgutes den speziellen Bedürfnissen der Reisbauern an. „Die Farmer im Mekong-Delta brauchen robuste und ertragreiche Reissorten, die auch in sehr salzhaltigem Wasser gedeihen“, erklärt Nguyen Thanh Hoan Hao, Bayer-Saatgut-Spezialist in Vietnam. Deshalb hat Bayer das Arize-Hybrid entwickelt. „Es ist nicht nur weniger krankheitsanfällig und ertragreicher, sondern toleriert auch einen hohen Salzgehalt im Wasser weit besser als herkömmliche Sorten.“ Mit solch innovativen Produkten habe Bayer bereits unzählige Ernten im Delta gerettet. „Viele Bauern setzen heute auf das Arize-Hybrid-Saatgut.“

Auch Phan Van Giang verwendet diese Hybrid-Sorte. Der Reisbauer war einer der ersten Farmer im Delta, die vor acht Jahren auf den Bayer-Reis umgestellt haben. „Das war definitiv die richtige Entscheidung“, sagt er. „Während meine Nachbarn ihre Felder wegen der Versalzung aufgeben mussten, komme ich finanziell noch ganz gut zurecht.“ In diesem Jahr ist die Ernte sogar so üppig ausgefallen, dass er eine Kamera kaufen kann. Für seinen Sohn, der Fotografie in Saigon studiert.

Noch vor Ende diesen Jahres möchte Bayer in Indien, Bangladesch und Vietnam eine neue Hybrid-Reissorte mit einer noch höheren Salztoleranz auf den Markt bringen. Phan Van Giang ist schon jetzt gespannt auf das neue Produkt. „Ich werde es natürlich sofort ausprobieren.“

Und was sind die weiteren Pläne von Phan Van Giang? „Ich habe mir noch ein Reisfeld gekauft, auf dem ich den Bayer-Arize-Reis pflanzen werde“, sagt der Farmer. Er schaut noch immer optimistisch in die Zukunft.