• Kein Stich für Mücken

    Mithilfe imprägnierter Netze konnten Malaria-Infektionen und -Todesfälle bei Kindern in der jüngsten Vergangenheit erheblich reduziert werden, so die WHO.

Zuerst fühlt es sich an wie eine normale Grippe mit Kopf- und Gliederschmerzen, manchmal Übelkeit. Bei einer schweren Form von Malaria treten dann regelrechte Fieberschübe auf, der Erkrankte leidet unter Krampfanfällen und Bewusstseinsstörungen.

Diese Form kann bis zum Organversagen und damit zum Tod führen. Malaria ist eine der häufigsten Infektionskrankheiten der Welt. Zu den Opfern der Malaria zählen vor allem Kinder, da ihr Immunsystem noch nicht ausgereift ist. Seit vielen Monaten ist der Bayer-Manager Nadim Mohr in Afrika und Indien unterwegs, um den Kampf gegen Malaria zu unterstützen. Der 37-Jährige stellt Behörden und Organisationen das Mückennetz LifeNet vor – als neuen Meilenstein in der Prophylaxe.

1.200.000

Menschen starben 2010 an Malaria.

Mit dem LifeNet wird der Überträger der Krankheit, die Anopheles-Mücke, bekämpft. Dazu braucht das Insekt mit dem Netz nur wenige Sekunden in Berührung zu kommen. Dabei nimmt es das Bayer-Insektizid Deltamethrin auf – eine besonders effektive Substanz aus der Wirkstoffklasse der Pyrethroide. Mithilfe imprägnierter Netze konnte die Zahl der Malaria-Infektionen und die Todesfälle bei Kindern in der jüngsten Vergangenheit erheblich reduziert werden, meldet die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Das Problem: Bei herkömmlichen Mückennetzen verringert sich mit jeder Wäsche der an der Faseroberfläche angelagerte Wirkstoff um ein Vielfaches. Nach 20 Wäschen sind die meisten dieser Netze unwirksam.

Durchbruch in der Moskitonetz-Technologie

Der Vorteil von LifeNet: Es kann häufiger gewaschen werden, ohne dass es seine Wirkung verliert. Denn Deltamethrin wird lang anhaltender aus der Faser freigesetzt. Dadurch übertrifft LifeNet die entsprechenden Anforderungen des Pesticide Evaluation Scheme der Weltgesundheitsorganisation (WHOPES) um 50 Prozent.

Vor diesem Hintergrund entschied die Weltgesundheitsorganisation, LifeNet im Kampf gegen Malaria zu empfehlen. Vorangegangen waren umfangreiche Feldstudien in Dörfern Tansanias, Benins und Indiens, in denen pyrethroidempfindliche oder -resistente Mückenstämme leben. Seitdem ist Nadim Mohr Reisender in Sachen Mückennetz. In 44 Ländern klärt er zusammen mit drei weiteren Bayer-Fachleuten über LifeNet auf. „Eine Riesen-Aufgabe“, wie er sagt. „Aber eine, die sich wirklich lohnt.“

Die Verteilung der Netze

Was ihn besonders freut: „Die Erwartungshaltung aufseiten unserer Gesprächspartner ist verständlicherweise groß.“ Denn egal, ob Gesundheitsbeauftragte der Behörden oder Vertreter von Nichtregierungsorganisationen wie WHO oder Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria – jeder knüpft große Hoffnungen an die Markteinführung des Netzes. „Und jeder möchte wissen, ob es wirklich so gut ist wie der Ruf, der ihm vorauseilt.“

3,3 Milliarden

Menschen leben in Malaria-Risikogebieten.

Nadim Mohr ist jedenfalls fest davon überzeugt, dass LifeNet einen wichtigen Beitrag leistet, wenn es darum geht, die Zahl der Malaria-Infizierten weiter zu senken. Amerikanische Wissenschaftler beziffern die Zahl der an Malaria Gestorbenen im Jahre 2010 mit 1,2 Millionen – das ist das Doppelte der bisherigen offiziellen Schätzungen. Neun von zehn dieser Todesfälle werden in Afrika gezählt, die meisten sind Kinder – nicht älter als fünf Jahre. „Und allein dies macht deutlich“, so sagt er, „wie lebenswichtig unsere Arbeit ist.“

Im Panzi Hospital in Bukavu kümmert sich ein Arzt um ein malariainfiziertes Kind. Bukavu liegt am südwestlichen Ufer des Kivusee in der Demokratischen Republik Kongo/Afrika. Rund um solche Gewässer finden Anopheles-Mücken ideale Brutgebiete.

Alle 30 Sekunden stirbt ein Kind

Malaria stellt für die Hälfte der Weltbevölkerung eine akute Bedrohung dar. Mehr als 100 Länder gelten als Malaria-Länder.

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Und rund 3,3 Milliarden Menschen leben in Risikogebieten, also im Verbreitungsgebiet der weltweit rund 50 Anopheles-Arten, die Malaria übertragen können. Diese Spezies sind die einzigen der rund 2.500 Stechmückenarten, welche die gefürchteten Plasmodien aufnehmen und damit Malaria übertragen können.

Am stärksten von Malaria betroffen sind Länder südlich der Sahara. Von dort werden die meisten Krankheits- und Todesfälle gemeldet. Im World Malaria Report 2011 geht die WHO für das Jahr 2010 von weltweit 216 Millionen Malariafällen aus, davon 81 Prozent in Afrika. Dort stirbt alle 30 Sekunden ein Kind an dieser Erkrankung.

Brennpunkte der gefürchteten Krankheit liegen aber auch in Asien, Lateinamerika, im Nahen Osten und in Teilen Europas. Die Gefahr, dass eine Malaria-Erkrankung einen schweren Verlauf nimmt, gilt besonders für Schwangere, HIV-Infizierte und Kinder unter fünf Jahren, die in Gebieten mit hohem Übertragungsrisiko leben.

Fachleute befürchten, dass sich die Tropenkrankheit als Folge des Klimawandels in den nächsten Jahren weiter ausbreiten könnte. Erhöhe sich die Durchschnittstemperatur um ein bis zwei Grad Celsius, würde sich das Verbreitungsgebiet des Krankheitsüberträgers entsprechend weiter ausdehnen.

Feine Faser mit großer Wirkung

Manchmal sind sie rau wie Putzlappen und dienen nur noch als Tragebeutel oder Fußballnetze. Gewöhnliche Mückennetze bieten oft wenig Schutz vor Malaria. Sie bestehen aus Geweben auf Polyethylen- oder Polyesterbasis und überstehen höchstens 20 Wäschen. Danach hat das Netz nicht mehr die notwendige Qualität, und dann ist es mit der Schutzfunktion vorbei.

Bayer reagierte darauf mit der Entwicklung eines Mückennetzes, das gleichzeitig lang anhaltenden Schutz und Nutzerfreundlichkeit versprach. Eine Aufgabe, die nicht einfach zu lösen war, zumal es nicht nur um längere Haltbarkeit ging, sondern auch um angenehme Haptik.

Dr. Sebastian Horstmann

Bayer-Forscher Dr. Sebastian Horstmann studiert Malaria-Mücken nach einer Wirkstoffbehandlung. An ihren Bewegungen kann er erkennen, wie sich die Substanz auf die Insekten auswirkt.

Alarmsignal Schüttelfrost

Die Malaria-Erkrankung kann sich etwa 10 bis 15 Tage nach der Infektion bemerkbar machen. Erste Symptome sind meist Fieber, Kopfschmerzen, Schüttelfrost und Erbrechen.

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Treten diese Beschwerden während oder kurz nach einem Tropenaufenthalt auf, werden Ärzte besonders hellhörig: Solange das Gegenteil nicht bewiesen ist, gilt jede Fieberreaktion während oder kurz nach einem Tropenaufenthalt als Malaria.

Am sichersten wird die Erkrankung durch eine Blutuntersuchung diagnostiziert. Dabei wird ein Tropfen Blut getrocknet und angefärbt und unter dem Mikroskop untersucht. Den Ausstrich – den „dicken Tropfen“ – prüft man über einen Tag verteilt alle sechs Stunden. Liegt eine Malaria-Infektion vor, lassen sich die Plasmodien in den roten Blutkörperchen erkennen. Mittlerweile können auch Schnelltests die Erreger auf molekularbiologischer Grundlage nachweisen. Malaria ist mit verschiedenen Medikamenten heilbar, muss jedoch unverzüglich behandelt werden. Sonst drohen schwere Verläufe bis zu einem tödlichen Ausgang. Im optimalen Fall beginnt die medikamentöse Therapie innerhalb von 24 Stunden nach dem Auftreten der ersten Symptome.

Die Entwicklung von LifeNet wurde beim ersten Welt-Malaria-Forum im Jahr 2007 in Gang gebracht. Damals rief die Bill & Melinda Gates Foundation „die internationale Geber-Gemeinschaft und die Industrie“ auf, die Qualität von Moskitonetzen deutlich zu verbessern. Ein Aufruf, der auf dem zweiten Forum 2011 mit Nachdruck wiederholt wurde – vor allem mit Blick auf die schwindenden finanziellen Mittel zur Bekämpfung der gefürchteten Tropenkrankheit. Bei ihrer Suche nach einem geeigneten Fasermaterial entschieden sich die Forscher von Bayer für den bewährten Kunststoff Polypropylen. Er ist bekannt als Material für Armaturenbretter, Kindersitze und Joghurtbecher. Und als Faser in Teppichen.

Mit unseren langwirksamen Moskito-Netzen könnten sich Menschen, die in Malaria-Gebieten leben, wirksam vor den Stechmücken schützen.

Dicke Fasern. „Mit ihnen ließen sich keine feinen Mückennetze weben“, sagt Dr. Maren Heinemann von Bayer Technology Services. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Dr. Jens Hepperle entwickelte sie ein innovatives Herstellungsverfahren – und beide entdeckten auch eine völlig neue Möglichkeit, den Wirkstoff in die Faser einzuarbeiten. „Hoch konzentriertes Deltamethrin wird so lange in das geschmolzene Polypropylen eingeknetet, bis der Wirkstoff vollständig und homogen vermischt ist“, erklärt Hepperle.

Selbst wenn an der Faseroberfläche angelagertes Deltamethrin ausgewaschen wird, bleibt das Netz noch lange wirksam. Weil das Insektizid gleichmäßig im Polypropylen verteilt ist, gibt es im Inneren des Fasermaterials einen Vorrat, der nach und nach an die Oberfläche wandert.

Diese Eigenschaft macht LifeNet zu etwas Einzigartigem. Projektleiter Dr. Rainer Sonneck: „Unser Netz kann selbst nach 35 Wäschen noch voll wirksam sein, zudem ist es extrem stabil, besonders reißfest und dabei noch anwenderfreundlich.“ Damit erfüllt Bayer die Forderungen der Gates-Stiftung und setzt neue Maßstäbe im Kampf gegen die Malaria.