• Kampf gegen
    den Schmerz

    Die Geschichte von Birgitta Gibson ist die Geschichte über ein Leben mit dem Schmerz.

Rückenschmerzen gehören in vielen modernen Gesellschaften zu den sogenannten großen Volkskrankheiten. Bei einem akuten Anlass können Schmerzmittel helfen. Sind die Beschwerden erst einmal chronisch geworden, lassen sie sich nur noch schwer in den Griff bekommen.

Ihre gepackte Schultasche steht seit 30 Jahren im Haus. Sie hat es nie übers Herz gebracht, die Bücher wegzuwerfen. „Ich war leidenschaftlich gern Lehrerin“, erzählt Birgitta Gibson. „Es war sehr schwer für mich, diesen Beruf aufzugeben.“ Doch in ihrem Rücken hatte sich dieser höllische Schmerz festgebissen und ließ sie nicht mehr los wie ein Raubtier seine Beute. Jeder Schritt wurde zur Qual. „Ich konnte weder Treppen steigen noch meine Tasche tragen.“ Die Lehrerin aus Dietzenbach bei Frankfurt am Main war 36 Jahre alt, als sie zum letzten Mal in ihrem Leben vor einer Schulklasse stand. „Als man mich arbeitsunfähig schrieb, war ich am Boden zerstört und verlor alle Hoffnung auf ein schmerzfreies Leben.“

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Rückenschmerzen sind weltweit die häufigste Ursache krankheitsbedingter Beeinträchtigung.

Die Geschichte von Birgitta Gibson ist die Geschichte über ein Leben mit dem Schmerz. Seit mehr als 40 Jahren leidet sie an chronischen Rückenschmerzen. Zeitweise waren ihre Beschwerden so schlimm, dass sie nur liegen konnte. Musste sie aufstehen, bewegte sie sich mühsam mit zentimetergroßen Schrittchen vorwärts.

Wie Birgitta Gibson zurück ins Leben fand

Begonnen hatte es mit einer Bandscheiben-OP, bei der Komplikationen auftraten. Vier Monate lang musste Birgitta Gibson eingegipst im Bett liegen. Doch auch nachdem die Wunde verheilt war, spürte sie schon bei der geringsten Bewegung starke Stiche im Rücken, die wie Blitze durch ihren ganzen Körper zuckten. Der Schmerz hatte sich verselbstständigt und war chronisch geworden.

Die Ursachen für ein solches Krankheitsbild sind vielfältig. Es beginnt immer mit einem akuten Schmerz, bei dem die Nerven Impulse empfangen und ans Gehirn weiterleiten. Dieses Warnsystem macht den Menschen auf eine Gefahr aufmerksam und ist enorm wichtig.

So entstehen Schmerzen

Doch Nerven sind lernfähig. Das bedeutet: Wenn der Impuls sehr intensiv ist und lange anhält, entsteht ein so genanntes „Schmerzgedächtnis“. Dann verändert sich das Nervensystem nachweisbar. Die Nerven schicken dann schon bei geringsten Anlässen Schmerzsignale ans Gehirn. „Man muss sich das so vorstellen, als ob jemand den Verstärker an einer Musikanlage voll aufgedreht hat“, erklärt Nathaniel Katz. „Bei solchen Patienten ist es ein schwieriger und langwieriger Prozess, die starken Ausschläge wieder auf ein normales Niveau herunterzuregeln.“

84 %

der Menschen in den Industrieländern leiden mindestens einmal in ihrem Leben an Rückenschmerzen.

Nathaniel Katz ist Geschäftsführer des Unternehmens Analgesic Solutions im US-Bundesstaat Massachusetts, das schmerzlindernde Behandlungsmethoden erforscht. Außerdem ist er Assistenzprofessor für Anästhesie an der Medizinischen Fakultät der Tufts University in Boston und hat das Schmerztherapie-Zentrum am Dana-Farber-Institut für Krebsforschung sowie eine Forschungsabteilung für klinische Schmerztherapie am Brigham and Women’s Hospital gegründet.

Katz hat miterlebt, wie sich die Behandlung von Schmerzen in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat: „Heutzutage verabreichen Anästhesisten dem Patienten bei einer Operation beispielsweise schon während der Narkose starke Schmerzmittel“, erklärt er. „Der Patient soll den Wundheilungsschmerz erst gar nicht spüren, denn so kann er auch kein Schmerzgedächtnis entwickeln.“

Schmerzmittel. Die Allzweckwaffe bei akuten Beschwerden. Die Wirkung der rezeptfreien Medikamente gegen schwache bis mittelstarke Schmerzen ist so simpel wie effektiv: Bei Verletzungen bilden bestimmte Enzyme im Körper die Prostaglandine. Diese Botenstoffe docken an die Schmerzrezeptoren an den Nervenenden an und lösen so ein Signal aus, das im Gehirn als Schmerz wahrgenommen wird. Die Schmerzmittel blockieren die Enzyme, sodass keine Prostaglandine mehr produziert werden und damit auch keine Signale im Gehirn ankommen.

Ihre Risikofaktoren

• Körperliche Verhaltensweise: z. B. durch wenig Bewegung, sitzende Tätigkeit
• Individuelle Faktoren: z. B. durch Alter, Körpergröße
• Psychologische Belastungen: z. B. durch Stress, Depression
• Umweltfaktoren: z. B. durch Vibrationen, schlechte Möbel
• Schlechte physische Konstitution: z. B. durch „schwache“ Rumpfmuskulatur

Nathaniel Katz rät, bei Schmerzen mit lindernden Maßnahmen zu beginnen: eine kurze Pause einzulegen, Eis oder Hitze einzusetzen, das betroffene Körperteil ruhig zu stellen. Ebenso empfiehlt er, schmerzstillende Medikamente frühzeitig zu nutzen, um die Beweglichkeit des Körpers wiederherzustellen – allerdings nur, solange es keine Kontraindikationen gibt. „Außerdem sollte man bei der Verwendung von akuten Schmerzmitteln auf die richtige Dosierung und das Einnahmeintervall achten.“ Und dann natürlich einen Arzt aufsuchen, um die Ursache des Schmerzes zu klären und die weitere Therapie zu besprechen.

10 einfache Übungen für Ihren Rücken

Ulrich Kuhnt

Ulrich Kuhnt, Bundesverband der deutschen Rückenschulen

Rückenschmerzen sind in der Bevölkerung weit verbreitet. Viele Menschen leiden zeitweise darunter, doch eine ernsthafte Erkrankung steckt selten dahinter. Häufig liegt es an einer verkrampften, verkümmerten oder überdehnten Muskulatur. „Betroffene können selbst viel dazu beitragen, dass sich ihre Beschwerden bessern“, sagt der Sportpädagoge Ulrich Kuhnt vom Bundesverband der deutschen Rückenschulen. Damit es gar nicht erst soweit kommt, empfiehlt er zehn einfache Übungen, die Sie sofort nachmachen können – Ihrem Rücken zuliebe.

Es gilt: Führen Sie die Übungen langsam und kontrolliert aus, niemals ruck- oder schwungartig. Atmen Sie bei allen Übungen normal weiter. Üben Sie mit Ruhe und entspannen Sie sich dabei. Üben Sie nicht, wenn Sie unter Schmerzen leiden.

Birgitta Gibson bekam nach der Bandscheiben-OP keine starken Schmerzmittel. Dabei hätte sie diese dringend gebraucht. „Ich hätte dann vielleicht gar kein Schmerzgedächtnis entwickelt – und die Beschwerden wären nicht chronisch geworden.“

Chronische Rückenschmerzen gehören mittlerweile weltweit zu den häufigsten Zivilisationskrankheiten. Und die Patientenzahlen steigen. Die Ursachen für diese Entwicklung sind vielfältig, und längst nicht immer ist ein konkreter Vorfall der Auslöser. Meistens entstehen die Rückenschmerzen aufgrund von anderen Faktoren: „Dazu gehören veränderte Ernährungsgewohnheiten, Bewegungsmangel, Fehlbelastungen, aber auch Stress und Zeitdruck“, erklärt Katz. „Es ist ein Mix aus körperlichen und psychischen Ursachen. Und deshalb hilft den Patienten bei diesen vielen komplexen Fällen ohne eindeutige Ursache auch nur ein multimodales Behandlungskonzept, das individuell auf sie zugeschnitten ist.“

Hilfe bei akuten Schmerzen

Fast jeder Mensch leidet innerhalb seines Lebens mindestens einmal unter Rückenschmerzen. Laut des US National Institute of Health verursachen sie allein in den USA Kosten in Höhe von rund 50 Milliarden US-Dollar – und sie sind der häufigste Grund für Arbeitsunfähigkeit.

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Stundenlanges Sitzen am Arbeitsplatz, einseitige mechanische Tätigkeiten und dazu wenig Bewegung belasten den Rücken. Verspannte Muskeln, gedehnte Bänder und verkürzte Sehnen sind dann auch die Hauptursachen akuter Rückenschmerzen.

Bei solchen plötzlich auftretenden Vorfällen können Schmerzmittel schnell und zuverlässig helfen: „Die modernen Varianten der bewährten Medikamente nutzen dafür neue Technologien“, erklärt Dr. Michael Voelker, Global Therapeutic Area Lead bei Bayer HealthCare. „Nach der Einnahme zerfällt die Aspirin-Tablette beispielsweise rasch im Körper, der Wirkstoff wird schnell gelöst und kann vom Körper aufgenommen werden. Der Schmerz kann so schon nach kurzer Zeit abklingen.“ Man sollte dieses Warnsignal des Körpers jedoch ernst nehmen und die Ursache abklären lassen.

Bei chronischen Rückenschmerzen sind solche Mittel allerdings nicht sinnvoll. In diesen Fällen muss die Ursache der Beschwerden mit einem komplexen Behandlungsansatz bekämpft werden, um langfristig eine Besserung zu erzielen. Dazu werden andere Medikamente benötigt, die als ein Aspekt einer multimodalen Therapie eingesetzt werden.

Birgitta Gibson ist froh, dass sie wieder am Leben teilnehmen kann

Um solche Patienten kümmern sich Schmerztherapeuten. Sie erforschen die möglichen Ursachen und erstellen danach ein multimodales und interdisziplinäres Behandlungskonzept. Dazu können unter anderem Maßnahmen wie Krankengymnastik, psychologische Beratung, Medikamente, autogenes Training, Akupunktur und Akupressur gehören.

Hilfe für Schmerzpatienten

Vor 25 Jahren hat Schmerzpatientin Birgitta Gibson in Frankfurt am Main eine Selbsthilfegruppe gegründet, aus der ein Jahr später die Deutsche Schmerzliga entstanden ist. Ziel des Vereins ist es, die Lebensqualität von Menschen mit chronischen Schmerzen zu verbessern. Die Schmerzliga hat mittlerweile rund 4.000 Mitglieder. Bundesweit bieten rund 90 Selbsthilfegruppen Unterstützung und Hilfe für Betroffene.

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International kämpft die American Chronic Pain Association (ACPA) seit 35 Jahren für die Belange von Schmerzpatienten. Die Organisation bietet betroffenen Patienten und deren Familien Unterstützung und Aufklärung beim Schmerzmanagement. In den USA, Kanada, Großbritannien und anderen Ländern gibt es mehrere Hundert Selbsthilfegruppen.

In England kümmert sich außerdem die Chronic Pain Support Group darum, Schmerzpatienten miteinander zu vernetzen. Der Organisation geht es in erster Linie darum, Austausch zu ermöglichen und soziale Integration der Betroffenen zu fördern. Hauptsitz der Selbsthilfegruppe ist in Bury St Edmunds, wo es regelmäßig Treffen im West Suffolk Hospital gibt.

Deutschland:
Deutsche Schmerzliga e.V.
ww.schmerzliga.de
Telefon 0049 6171 286053
E-Mail: info@schmerzliga.de

USA:
American Chronic Pain Association
www.thecpa.org
Telefon 001 800-533-3231
E-Mail: acpa@thecpa.org

England:
Chronic Pain Support Group
www.chronicpainsupportgroup.co.uk
Telefon: 0044 7719 497 989
(montags bis freitags 11 bis 13 Uhr und 16 bis 19 Uhr)
E-Mail: info@chronicpainsupportgroup.co.uk

Auch Birgitta Gibson fand nach zahlreichen Arztbesuchen den Weg zu einem Frankfurter Schmerztherapeuten. Er erstellte ein umfassendes Behandlungskonzept, das endlich Wirkung zeigte: „Mittlerweile habe ich zwar immer noch hin und wieder Schmerzen, aber sie sind erträglich“, sagt sie. „Heute kann ich wieder mein Leben genießen – ich hatte das schon fast verlernt.“