• Jede Hürde bietet eine Chance

    Heinrich Popow gehört beim 100-Meter-Sprint und im Weitsprung zur Weltspitze. Druck machen lässt er sich aber keinen.

Sich selbst motivieren, aus Rückschlägen lernen: Damit haben Heinrich Popow und Markus Rehm viel Erfahrung. Sie gehören zu den deutschen Spitzenathleten des paralympischen Sports. Die beiden Leichtathleten des TSV Bayer 04 Leverkusen haben gelernt, ihre Behinderung als Chance zu begreifen.

Wenn jetzt eine gute Fee vorbeifliegen würde und ihm ein Bein herbeizaubern würde... „Ich würde es nicht annehmen.“ Markus Rehm sitzt im Stadion der Fritz-Jacobi-Sportanlage in Leverkusen. Es ist kurz vor Trainingsbeginn, er trägt eine kurze Sporthose und man kann seine Unterschenkelprothese sehen. „Ohne dieses Ding wäre ich nicht der Mensch geworden, der ich heute bin – und ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe.“

Das kann er auch sein, keine Frage: Markus Rehm gehört zu den erfolgreichsten paralympischen Sportlern der Welt. 2012 holte der Athlet des TSV Bayer 04 Leverkusen bei den Paralympics in London Gold im Weitsprung und zählt bei internationalen Wettkämpfen eindeutig zu den großen Medaillenhoffnungen. Der 28-Jährige springt mit seiner Prothese sogar weiter als viele nichtbehinderte Spitzensportler und gewann 2014 mit einer Weite von 8,24 Metern die Deutsche Meisterschaft – womit er prompt eine heiße Diskussion um die Grenzen der Inklusion im Leistungssport lostrat.

Hätte man dem Orthopädietechniker-Meister all dies vor 14 Jahren erzählt – er hätte es wohl nicht geglaubt. Damals musste Rehm nach einem Wakeboard-Unfall der rechte Unterschenkel amputiert werden. Er verbringt Wochen im Krankenhaus. Ausgerechnet er, die Sportskanone, der Sunnyboy, immer gut drauf, immer in Bewegung. Von einem Tag auf den anderen ändert sich für den Teenager aus dem 2.000-Seelen-Dorf in Süddeutschland einfach alles: Seine Zukunft, die mit so vielen Chancen, Träumen und Hoffnungen vor ihm gelegen hatte, und sein Leben schienen gelaufen. „Ich dachte, ich krieg niemals mehr ne Freundin. Mit 14 denkt man so etwas“, erzählt Rehm, der heute über diesen Gedanken nur schmunzelt.

Die ersten Wochen nach der Operation erlebt er wie im Nebel. „Manchmal wachst du nachts auf und dir dämmert, dass das kein Albtraum ist – und dann bist du sofort hellwach und alles kommt wieder hoch.“ Das Wakeboard, der Sturz, die Schiffsschraube, die Fahrt ins Krankenhaus, die betroffenen Ärzte, die weinenden Eltern. Und dann der erste Blick in den Spiegel: Er ist jetzt ein Amputierter. Ein Mensch mit Behinderung. „Das ist echt hart.“

Markus Rehm ist einer der erfolgreichsten paralympischen Sportler der Welt.

Doch nur wenige Monate nach dem Unfall ändert sich etwas: Rehm schnappt sich sein Fahrrad und dreht eine erste zaghafte Runde durchs Dorf. Es klappt überraschend gut. „Da hat mich der Ehrgeiz gepackt: Ich wollte wissen, was ich trotz der Prothese noch alles kann“, erzählt er. „Ich begann, meine Grenzen auszutesten.“

Seine Behinderung stachelt ihn an. Er nimmt immer größere Hürden, stellt sich immer neuen Herausforderungen. Die Prothese spornt ihn zu Höchstleistungen an. „Dank ihr bin ich über mich hinausgewachsen“, sagt er. „Wer weiß schon, was ohne dieses Ding aus mir geworden wäre – keine Ahnung, ich will es auch gar nicht wissen.“ Sein Leben ist gut so, wie es ist. Er möchte nichts, aber auch gar nichts darin missen.

Motivationstrainer und Spitzensportler David Behre besucht im Krankenhaus eine Patientin.

Vier Fragen an David Behre

David Behre gilt als einer der schnellsten Sprinter mit Unterschenkel-Prothesen weltweit. Zudem arbeitet er als Motivationstrainer. Was treibt ihn an?

Wie schaffen Sie es selbst, sich als Leistungssportler jeden Tag wieder aufs Neue für den Sport zu motivieren?

2007 hatte ich einen Unfall. Dabei verlor ich beide Unterschenkel. Im Krankenhaus sah ich eine Übertragung mit dem paralympischen Leichtathleten Oscar Pistorius, der in einem Sprint nicht behinderte Läufer schlug. In diesem Moment wusste ich: Das ist mein neues Ziel. Ich wollte wie Pistorius auf Prothesen laufen und an internationalen Wettbewerben teilnehmen. Dieser Augenblick gab mir sehr viel Kraft. Und ich ahnte, dass ich dafür täglich viel trainieren müsste.

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Gibt es keine Tage, an denen Sie sich unmotiviert fühlen?
Die gibt es natürlich auch – wenn ich zum Beispiel beim Training Schmerzen spüre und einfach keine Lust habe. Dann führe ich mir meine Ziele vor Augen. Ich möchte gerne noch schneller werden und mich immer weiter steigern. Um weltweit vorne mitlaufen zu können, darf ich keinen Trainingstag verpassen. Ich müsste dafür das Training von einer ganzen Woche aufholen – das überlegt man sich zwei Mal und es treibt mich dann doch wieder in Richtung Sportplatz.

Sie arbeiten als Motivationstrainer und besuchen in Krankenhäusern regelmäßig Menschen, die einen Unfall hatten. Wie helfen Sie ihnen?
Ich mache Ihnen deutlich, dass sie nur an sich glauben müssen. Trotz Amputation ist so vieles möglich! In der Regel bricht das Eis, wenn die Patienten meine Prothesen sehen: Spätestens dann verstehen sie, dass ich weiß, wovon ich spreche und dass ich mich auch in ihre jeweilige Situation hineinversetzen kann. Das motiviert sie – und auch ich nehme von diesen Begegnungen etwas für mich mit und ziehe daraus sehr viel neue Motivation.

Welchen Rat geben Sie Menschen, die sich antriebslos fühlen?
Jeder Mensch sehnt sich nach Anerkennung und setzt sich dafür Ziele. Doch nur mit einer positiven Einstellung kann man sie auch erreichen. Viele Menschen blockieren sich selbst, indem sie zu negativ denken und sich über Nichtigkeiten beklagen. Wenn ich anderen Menschen von meinem Unfall erzähle, merken sie erst wieder, wie oft sie sich über Dinge beschweren, die es gar nicht wert sind, und nehmen aus diesen Gesprächen neue positive Energie mit nach Hause.

Wenn jetzt eine gute Fee angeflogen käme und ihm ein gesundes Bein herbeizaubern würde... „Ich würd sagen: Kannste behalten!“ Heinrich Popow ist bekannt für ehrliche Antworten und klare Worte. Zufrieden sitzt der Orthopädietechniker im Besprechungszimmer des Leverkusener Prothesenherstellers, für den er arbeitet. Übergroße Baseballkappe, weites T-Shirt, Sneakers – Heinrich Popow könnte auch in einem amerikanischen Rap-Video auftreten. In seiner kurzen Hose kann man die Prothese sehen. Die Zeiten, in denen ihn die Blicke der Passanten genervt haben, sind lange vorbei. „Das interessiert mich nicht mehr.“

Heinrich Popow ist selbstbewusst. Zu Recht: Der Leichtathlet des TSV Bayer 04 Leverkusen gehört seit 15 Jahren beim 100-Meter-Sprint und im Weitsprung zur Weltspitze, 2012 holt der 33-Jährige bei den Paralympics die Goldmedaille. Regelmäßig nimmt er an hochkarätigen internationalen Wettkämpfen teil. Die Erwartungen sind stets hoch. „Ist mir egal“, sagt er. „Ich lasse mir keinen Druck machen.“

Heinrich Popow lässt sich keinen Druck machen.

Für Popow war es ein weiter Weg zu so viel Gelassenheit im Umgang mit Menschen und ihren Erwartungen: Mit neun Jahren amputieren die Ärzte sein linkes Bein bis zum Oberschenkel, nachdem sie in der Wade einen bösartigen Tumor entdeckt haben. Der kleine Junge aus Kasachstan, gerade erst seit zwei Jahren in Deutschland, hat plötzlich nur noch ein Bein. Die Schulzeit wird hart, beim Fußball wählen ihn die Klassenkameraden regelmäßig als Letzten ins Team. Doch Popow ist zäh. Er wehrt sich, teilt aus – und erkämpft sich Anerkennung und Respekt. Trotzdem: „Die Pubertät war die Hölle“, erzählt er. „Da will man dazugehören und muss sich ständig beweisen.“

Corinna Groß

Nimm die Herausforderung an und versuche, das Beste daraus zu machen – denn jede Hürde bietet gleichzeitig auch eine Chance

Heinrich Popow, Leichtathlet des TSV Bayer 04 Leverkusen

Der Sport ist sein Ventil. Auf dem Platz kann er seinen Frust loswerden, sich auspowern, Druck ablassen. Er trainiert täglich, will mit den anderen Jungs mithalten können. „Und das ist für einen Prothesenträger gar nicht so einfach, denn für uns ist jede Bewegung sieben Mal so anstrengend wie für einen gesunden Menschen“, erklärt er. „Jeder Spaziergang, jedes Fußballspiel und jede Shoppingtour kosten immens viel Kraft.“

Er probiert viele Sportarten aus, bis er 2001 bei der Leichtathletik landet und nur ein Jahr später Bronze bei der WM in Lille holt. Seitdem regnet es Rekorde – und das, obwohl sich Popow nur ungern an Trainingszeiten oder Pläne hält. „Erfolg ist hier oben.“ Er tippt sich an die Kappe. „Alles Kopfsache. Man darf den Spaß am Sport nicht verlieren – nur dann ist man locker genug drauf, um zu gewinnen.“

Heinrich Popow ist mit der Prothese aufgewachsen. Die Behinderung hat seine Persönlichkeit geprägt. Sie hat seine Sichtweise auf die Menschen und auf die Welt verändert – und ihn zum Nachdenken gebracht. Über sich selbst und über andere. Sie hat ihn sehr früh sehr erwachsen werden lassen. „Und dafür bin ich dankbar.“ Jetzt bereitet er sich so langsam auf ein Leben nach dem Leistungssport vor. „Auf eine Familie.“ Er grinst vielsagend.

Abseits des Sportplatzes bringt Heinrich Popow beinamputierten Menschen bei, mit der Prothese zu laufen. Er ist für sie ein Vorbild, schließlich war auch er mal ganz unten und steht nun ganz oben auf dem Treppchen. Popow rät allen immer dasselbe: „Nimm die Herausforderung an und versuche, das Beste daraus zu machen“, sagt er. „Denn jede Hürde bietet immer auch eine Chance.“

Die Leverkusener Schwimmer holten 2012 bei den Paralympics zwei Medaillen.

Sport mit Behinderung

Seit Beginn des 20. Jahrhunderts organisieren sich Menschen mit Behinderung in Sportvereinen. 1911 traten sie bei der "Cripples Olympiad" in den USA erstmals gegeneinander an und 1924 folgten die "Silent Games" für taube Sportler in Paris. Einen enormen Aufschwung erlebte der Behindertensport jedoch nach dem Zweiten Weltkrieg, als viele Kriegsveteranen mit Behinderungen und Amputationen von der Front zurückkehrten.

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Mit Gymnastik, Leichtathletik, Schwimmen und Bewegungsspielen trieben sie ihre Genesung voran. Auch heute noch stärken Patienten nach einer Amputation mit Rehabilitationssport ihre Ausdauer, Kraft, Koordination und Flexibilität. Nach der Rehabilitation wollten viele Behinderte weiterhin Sport treiben. So wuchs rasch ein vielfältiges Breitensportangebot, bei dem nicht die gesundheitsfördernden Aspekte im Vordergrund stehen, sondern der Spaß an der Bewegung und das Gemeinschaftserlebnis.

Aus dem Breitensport entwickelte sich schließlich der Leistungssport. Die Stoke Mandeville Games 1948 in England waren der Vorläufer der Paralympics. Die Leichtathleten des TSV Bayer 04 Leverkusen tauchen seit 1984 regelmäßig in den Ergebnislisten der Paralympics auf. Die Behindertensportabteilung mit ihren rund 300 Mitgliedern gehört zu den erfolgreichsten Vereinen Deutschlands – und die Sportler sind nicht nur in der Leichtathletik stark: Bei den Schwimmwettkämpfen holten sie bei den Paralympics 2012 zwei Medaillen und im Sitzvolleyball ist der TSV Bayer 04 Leverkusen die führende deutsche Vereinsmannschaft. Das Team gewann bis heute 22 Deutsche Meisterschaften und sicherte sich drei Mal den Europapokal der Landesmeister.

Und wenn Rehm amputierten Menschen ihre erste Prothese anpasst, hat auch er einen Ratschlag für sie: „Sei jetzt erstmal traurig!“ Man müsse durch eine Zeit der Trauer gehen, um einen Schicksalsschlag zu verarbeiten und eine neue Situation zu akzeptieren. „Nach einer Weile wird die Prothese dann zu einem Teil der eigenen Persönlichkeit: Sie gehört zu dir wie deine Augen oder dein Herz.“ Dauerhaft könne einen nämlich gar nichts unglücklich machen – außer man selbst.