„Die Bedingungen draußen im Feld sind anders“

Eine neue Studie zu Glyphosat und den Bienen sorgte jüngst für viel Aufregung in den Medien. Hier beantwortet der Bienenexperte von Bayer, Dr. Christian Maus, die wichtigsten Fragen.

Albert Einstein soll gesagt haben: Erst stirbt die Biene, kurz darauf der Mensch. Hat er Recht?
Das liest man oft, ist aber falsch. Sicherlich sind Bienen für die Landwirtschaft und damit für die menschliche Ernährung wichtig. Melonen, Mandel- oder Apfelbäume brauchen Insekten für die Bestäubung, sonst bilden sie wenig oder keine Frucht. Dennoch sind laut dem Weltbiodiversitätsrat der Vereinten Nationen nur 5 bis 8 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion weltweit von der Bestäubung durch Insekten abhängig. Für Getreide, Mais oder Kartoffeln ist sie bespielweise nicht notwendig. Die mit solchen Zitaten oft gemalten Szenarien sind also stark übertrieben. Abgesehen davon ist zweifelsfrei bewiesen, dass Albert Einstein das gar nicht gesagt hat. Hier finden Sie den Screenshot einer entsprechenden Mail des Albert-Einstein-Archivs an einen Bienenforscher im Jahr 2007.

Dr. Christian Maus

Dr. Christian Maus

Wissenschaftlicher Leiter Bee Care bei der Bayer AG

Dennoch sorgen Studien, wie sie jüngst in Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlicht und anschließend durch die Medien gingen, immer wieder für Aufsehen.
Laut dieser Studie von Wissenschaftlern der Universität Austin/Texas kann die Darmflora bei Honigbienen durch die Aufnahme von Glyphosat beeinträchtigt werden. Des Weiteren soll sich die Anfälligkeit für Mikroorganismen und damit das Krankheitsrisiko erhöhen. Ich will diese Befunde für das spezifische Testverfahren nicht grundsätzlich in Abrede stellen. Es kann sein, dass solche Effekte unter bestimmten Umständen auftreten können. Falsch ist aber, diese Effekte eins zu eins auf die freie Natur zu übertragen. Die Wissenschaftler haben eine Studie im Labor durchgeführt. Das ist völlig legitim, aber die Bedingungen draußen im Feld sind einfach anders.

Die Tatsache, dass man im Labor mit einer Substanz einen Effekt erzeugen kann, sagt nichts darüber aus, ob das tatsächlich in der Realität auch so passiert.

Inwiefern?
Wir wissen aus vielen Untersuchungen, dass sich im Labor festgestellte Effekte bei einzelnen Bienen weder ohne Weiteres auf die freie Wildbahn noch auf ein ganzes Bienenvolk übertragen lassen. Das wurde in der Studie aber ebenso wenig thematisiert wie die Tatsache, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass Bienen über einen längeren Zeitraum entsprechenden Mengen von Glyphosat ausgesetzt sind. Die Forscher gehen zum Beispiel fälschlicherweise davon aus, dass Glyphosat über den Boden in die Pflanzen gelangt und anschließend seinen Weg in den Nektar findet. Glyphosat wird jedoch auf Blätter gesprüht, sorgt dann für ein schnelles Absterben des jeweiligen Unkrauts. Dafür ist Glyphosat schließlich da. In blühenden Kulturpflanzen wird es in der Regel gar nicht eingesetzt. Warum auch?

Die Bienen kommen also nicht in Kontakt mit Glyphosat?
Glyphosat ist auf den Feldern vorhanden, aber die Bienen nehmen es bei sachgerechter Anwendung normalerweise nicht in nennenswerten Mengen auf. Grundsätzlich kann jede Substanz in der entsprechenden Konzentration bei Mensch und Tier ungesund sein. Nehmen wir Kaffee. Mit der Gesamtmenge an Koffein eines durchschnittlichen Kaffeeladens kann ich einen Menschen vergiften. Das heißt aber nicht, dass man bei Betreten des Ladens an einer Koffeinvergiftung stirbt.

Wie lässt sich die Sicherheit von Pflanzenschutzmitteln für freilebende Bienen überprüfen?
Eine der gängigsten Methoden ist der so genannte Tunneltest. Sie müssen sich das als eine Art Gewächshaus vorstellen, in dem die Bienenvölker einem zu untersuchenden Wirkstoff über behandelte, blühende Pflanzen ausgesetzt sind. Noch realistischer ist der Test im offenen Feld. Dort stellt man dann ein Bienenvolk neben oder unmittelbar in eine mit einem Pflanzenschutzmittel behandelte Kultur. Wichtig ist, dass man die Auswirkungen auf ganze Bienenvölker untersucht. Denn ein solches Volk reagiert ganz anders als Einzelbienen. Wir machen viele solcher Studien für unsere Produkte.

Gibt es solche Studien auch für Glyphosat?
Ja, es gibt Studien zu Glyphosat, die unter realistischen Feld- oder Halbfeldbedingungen durchgeführt wurden. In diesen Studien ließen sich keine Nebenwirkungen beobachten, selbst dann nicht, wenn übertriebene Mengen von Glyphosat getestet wurden. Monsanto hat zum Beispiel vor einigen Jahren eine aufwendige Tunnelstudie mit Glyphosat durchgeführt. Diese Studie ist auch publiziert worden und damit öffentlich zugänglich. Im Ergebnis konnten bei den getesteten Bienenvölkern keinerlei Schadentwicklung festgestellt werden.

Wie sehen Sie vor diesem Hintergrund die Diskussion rund um den PNAS-Artikel?
Viele Medien haben über die Studie berichtet, als sei nun endlich der Schuldige für das mutmaßliche Bienensterben gefunden und überführt. Glyphosat war’s. So ähnlich wie in einem Tatort am Sonntagabend, bei dem immer einer der Mörder ist. Aber das hier ist kein Film, sondern die Realität. Erstens: Es gibt gar keinen Befund, der klar auf Glyphosat oder ein anderes Pflanzenschutzmittel als „Schuldigen“ hindeuten würde. Das behaupten die Wissenschaftler im Übrigen in ihrer Studie auch gar nicht, sondern manche Journalisten tun das. Zweitens: In der Natur gibt es selten nur einen zweifelsfrei abgrenzbaren Einflussfaktor, sondern viele Faktoren, die zusammenspielen. Nochmal: Die Tatsache, dass man im Labor mit einer Substanz einen Effekt erzeugen kann, sagt nichts darüber aus, ob das tatsächlich in der Realität auch so passiert.

In der Natur gibt es selten nur einen zweifelsfrei abgrenzbaren Einflussfaktor, sondern viele Faktoren, die zusammenspielen.

Um in Ihrem Bild zu bleiben: Es gibt keinen Mörder, aber es gibt doch Leichen. Oder ist das Bienensterben keine Realität?
Es gibt Rückgänge bei zahlreichen Wildbienenarten – und zwar seit vielen Jahrzehnten, nicht etwa seit ein paar Jahren, wie häufig unterstellt wird. Das hat sehr komplexe Ursachen, die bis heute nicht im Detail erforscht sind. Einer der wichtigsten Punkte ist zum Beispiel, wie viel Fläche Boden wir als Gesellschaft für die Landwirtschaft nutzen oder auch für den Wohnungsbau. Unbestritten sind viele Landschaften in den vergangenen Jahrzehnten eintöniger geworden. Und wo nichts blüht und es keine passenden Nistgelegenheiten gibt, da haben es Wildbienen schwer. Bei der Honigbiene sieht die Sache wiederum anders aus: In manchen Regionen Europas oder Nordamerikas stellen wir eine erhöhte Wintersterblichkeit von Bienenvölkern fest, was besonders an der Varroamilbe liegt. Zugleich ist es wichtig zu betonen, dass es kein allgemeines Bienensterben im Sinne eines Rückgangs gibt. Im Gegenteil, die Zahl der Honigbienenvölker steigt kontinuierlich – in Deutschland, wie auch international. Das belegen Quellen der Vereinten Nationen oder auch der Europäischen Union eindeutig.

An was genau arbeitet denn das Bayer Bee Care Center aktuell?
Wir betreiben bei Bayer einen großen wissenschaftlichen Aufwand für die Sicherheit der Bienen. Das ist gut und richtig so. In unserer Abteilung für Umweltsicherheit laufen Jahr für Jahr mehrere hundert Studien für die Bienensicherheit unserer Pflanzenschutzmittel. Darüber hinaus wird in zahlreichen weiteren Bereichen der Firma für den Bienenschutz gearbeitet. Um diese vielen Aktivitäten besser zu koordinieren, haben wir vor fünf Jahren ja das Bee Care Center ins Leben gerufen. Hier laufen derzeit rund 30 weitere Studien in Kooperation mit unabhängigen Wissenschaftlern, die alle möglichen Aspekte der Bienengesundheit und der Bestäubung von Pflanzen abdecken. Die Ergebnisse all dieser Aktivitäten fließen auch in die Produktentwicklung bei Bayer ein.