Interview mit Dr. Jürgen Eckhardt

Immuntherapie gegen Krebs: Die körpereigene Abwehr nutzen

Einen bösartigen Tumor durch das menschliche Immunsystem bekämpfen: Diesen Ansatz fördert Leaps by Bayer durch eine Investition in das Unternehmen Triumvira. Wissenschaftler von Triumvira forschen daran, die körpereigene Abwehr gezielt auf Krebszellen zu richten. Wie funktioniert das? Und was bedeutet das für Patienten? Wir haben mit Dr. med. Jürgen Eckhardt, Mediziner und Leiter von Leaps by Bayer, darüber gesprochen.

1. Herr Eckhardt, mit “Leaps by Bayer” (engl. Sprünge) nehmen Sie zehn der größten Herausforderungen in den Bereichen Gesundheit und Landwirtschaft ins Visier. Eine davon ist, Krebs künftig zu heilen. Was macht Sie so zuversichtlich, dass diese Vision Wirklichkeit werden könnte?
„Leaps by Bayer“ steht für Fortschritte in den Life Sciences, die einem Paradigmenwechsel gleichkommen. Und zwar, indem wir in bahnbrechende Technologien investieren, die das Potential haben, das Leben für viele Menschen fundamental zu verbessern. Für diese Mission benötigen wir einen komplett neuen, langfristig ausgerichteten Ansatz, der über die üblichen Grenzen hinausgeht. Wir brauchen Investitionen, Risikobereitschaft und Vertrauen in einer anderen Größenordnung, um diese zehn Herausforderungen zusammen mit Partnern anzugehen.

Als ich in den 80er Jahren Medizin studiert habe, da gab es noch keine Krebsimmuntherapie wie wir sie heute kennen. Krebs war in den allermeisten Fällen ein Todesurteil. Es sei denn, man hat ihn früh genug erkannt. Mit der heutigen Immunonkologie haben wir jetzt ein Werkzeug in der Hand, das schon zahlreiche Patienten von Tumoren befreit hat.

Dr. med. Jürgen Eckhardt, Leiter von Leaps

Wir sehen großes Potenzial in dem Forschungsansatz von Triumvira. Dieser bietet eine einzigartige Chance, Zelltherapien der nächsten Generation zu entwickeln, mit denen wir die Hoffnung verbinden, bisher unheilbare Krebserkrankungen behandeln oder sogar heilen zu können.

2. Welche Rolle spielt das Immunsystem im Kampf gegen Krebs?
Unser Immunsystem ist dafür zuständig, Krankheitserreger oder geschädigte Zellen im Körper zu erkennen und zu bekämpfen. Dabei unterscheidet es zwischen „eigen“ und „fremd“. Wenn nun eine körpereigene Zelle zum Beispiel durch ein Virus infiziert ist, dann verändert sie sich. Das erkennen z.B. die sogenannten T-Zellen des Immunsystems, greifen die Zelle an und zerstören sie. So werden wir wieder gesund.

Neben Krankheitserregern wie Bakterien und Viren kann das Immunsystem auch Krebszellen als schädlich erkennen und bekämpfen. Wir gehen davon aus, dass jeden Tag bei jedem Menschen Zellen mutieren und bösartige Veränderungen zeigen. Im Normalfall erkennt das Immunsystem diese Zellen und eliminiert sie, ohne dass wir etwas davon bemerken.

3. Und warum können Krebszellen der Kontrolle des Immunsystems manchmal entkommen?
Bei der Erkennung von Tumorzellen steht das Immunsystem vor einer schwierigen Aufgabe: Krebszellen sind körpereigene Zellen. Der eigene Körper soll jedoch normalerweise nicht angegriffen werden. Einige Krebszellen tarnen sich nun und werden dadurch vom Immunsystem nicht mehr erkannt. Dann entsteht ein Tumor. Und in diesen Fällen kommt die Immuntherapie ins Spiel. Da versucht man dem Abwehrsystem sozusagen wieder beizubringen: Erkenne die böse Zelle und zerstöre sie, auch wenn sie sich getarnt hat.

4. Und genau diesen Ansatz verfolgt „Leaps by Bayer“ mit seiner Investition in das Unternehmen Triumvira?
Richtig. „Leaps by Bayer“ investiert in bahnbrechende Technologien, die das Leben für viele Menschen fundamental verbessern können, hierzu gehören auch Therapien zur Vorbeugung und Heilung von Krebs. Triumvira arbeitet an der Entwicklung von Immunonkologie-Therapien der nächsten Generation. Bei klassischen Krebstherapien wie Chirurgie, Strahlen- oder Chemotherapie steht die Entfernung oder Zerstörung von Krebszellen im Mittelpunkt. Triumvira versucht nicht bei der Krebszelle einzugreifen, sondern beim körpereigenen Abwehrsystem, damit es die Krebszelle selbst zerstört. Damit verbinden wir die Hoffnung, bisher unheilbare Krebserkrankungen behandeln zu können.

5. Es gibt bereits zugelassene Therapien im Immunonkologie-Bereich. Für welche Patienten wäre eine Immuntherapie geeignet?
Wir gehen heute davon aus, dass es mehrere Hundert verschiedene Krebsarten gibt. Die heute schon verfügbaren Therapien auf dem Markt funktionieren bisher nur für eine kleine Zahl an Tumoren: Sie erzielen vor allem bei Blutkrebs-Arten – d.h. bei flüssigen Tumoren – gute Resultate, nicht aber bei soliden Tumoren. Damit gemeint sind beispielsweise Brustkrebs, Prostatakrebs, Darmkrebs, Leberkrebs usw. Der Ansatz von Triumvira hat sich im Tiermodell bei soliden Tumoren als vielversprechend erwiesen.

Neben Triumvira verfolgen wir mit Leaps noch weitere Ansätze und investieren in verschiedene Unternehmen, um Krebs in Zukunft zu besiegen.

6. Wann könnte der Ansatz von Triumvira für Patienten verfügbar sein?
Wir sind derzeit noch in der präklinischen Phase, d.h. der Ansatz wurde noch nicht im Menschen erprobt. Triumvira plant nächstes Jahr erste Entwicklungsschritte im Menschen. Bis so eine Therapie für Patienten in der Breite verfügbar ist, wird es aber sicher noch ca. fünf Jahre dauern.

7. Wie läuft die Therapie ab?
Bei einer T-Zell Therapie isoliert man T-Zellen aus dem Blut, verändert diese und gibt die veränderten T-Zellen dem Patienten über eine Infusion zurück. Diese Immunzellen können jetzt Krebszellen anhand bestimmter Merkmale (Antigene) erkennen, direkt angreifen und zerstören. 

Bei sogenannten autologen Therapien werden patienteneigene T-Zellen ex vivo, das heißt außerhalb des Körpers, verändert. Triumvira verfolgt darüber hinaus auch allogene Ansätze: Hierbei werden veränderte T-Zellen eines Spenders verabreicht. Dies könnte es ermöglichen, T-Zell Therapien einer größeren Anzahl von Patienten zugänglich zu machen.

Dare to Leap

Über Leaps by Bayer

Leaps by Bayer nutzt Impact Investments, um Lösungen für einige der größten Herausforderungen unserer Zeit in den Bereichen Gesundheit und Landwirtschaft zu finden. Manche sagen, diese Herausforderungen wären unmöglich zu meistern. Für Leaps by Bayer kein Grund, es nicht trotzdem zu versuchen…

Die 10 „Leaps“

  1. Heilung genetisch bedingter Krankheiten 
  2. Nachhaltige Verfügbarkeit von Spenderorganen schaffen 
  3. Autoimmunerkrankungen aufhalten 
  4. Zerstörtes Körpergewebe ersetzen 
  5. Krebs verhindern und heilen 
  6. Reduzierung der Umweltbelastungen durch die Landwirtschaft 
  7. Mit Hilfe des Mikrobiom heilen 
  8. Alternative, nachhaltige Proteinquellen erschließen 
  9. Krankheitsübertragung durch Insekten stoppen 
  10. Revolutionäre Digitale Konzepte entwickeln

https://leaps.bayer.com/

Über Dr. Jürgen Eckhardt

Jürgen Eckhardt ist studierter Mediziner und begann seine Karriere als Radiologe am Universitätsklinikum Basel in der Schweiz, bevor er seinen MBA an der Wirtschaftshochschule INSEAD in Frankreich machte. In den Folgejahren arbeitete er bei der Unternehmensberatung McKinsey, wo er Pharmaunternehmen in Europa und den USA beriet, und investierte im Venture-Capital-Bereich in junge Firmen mit neuen Technologien. Ab 2016 war Eckhardt für die Investitionen von „Leaps by Bayer“ verantwortlich und ist heute Leiter von Leaps. Eckhardt ist außerdem Vorstandsmitglied von BlueRock, Joyn Bio, Dewpoint, Khloris, Oerth Bio, Immunitas, eGenesis und Triumvira.

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