Jana Humble

Ich kann mit meinen Fingerspitzen Leben retten

Ihre Sehbehinderung bewusst nicht mehr als Behinderung zu sehen – das gelang Jana Humble erst während ihrer Ausbildung zur medizinisch-taktilen Untersucherin. Die 27-Jährige ertastet Auffälligkeiten im Brustgewebe und hilft so, Brustkrebs früher zu entdecken.

Michael Devoy

Jana Humble

Medizinisch-taktile Untersucherin (MTU)

Ich bin von Geburt an sehbehindert. Im Laufe der Jahre hat sich mein Sehvermögen stark verschlechtert. In meinem früheren Beruf als Kauffrau für Bürokommunikation habe ich über Jahre hinweg keinen Job gefunden. Über tausend Bewerbungen blieben erfolglos. Aber Aufgeben war für mich nie eine Option.

Auf einer Hilfsmittelmesse für Blinde und Sehbehinderte wurde ich auf „Discovering Hands“ aufmerksam. Das Unternehmen bildet blinde und stark sehbehinderte Frauen zu medizinisch-taktilen Untersucherinnen (MTU) aus.

Ich wusste von Anfang an: Dieser Beruf wird mir sehr viel Freude bereiten. Denn schon als Kind wollte ich gerne als Ärztin oder Krankenpflegerin arbeiten. Dies war aber durch die Sehbehinderung nicht möglich.

Ich fühle in der Brust bereits kleinste Gewebeveränderungen von ca. 5 mm.

Wenn die Augen nicht mehr oder nur noch sehr schlecht funktionieren, werden die anderen Sinnesorgane geschärft. Durch meinen besonders gut ausgeprägten und trainierten Tastsinn kann ich in der Brustkrebsfrüherkennung als MTU arbeiten. Ich fühle in der Brust bereits kleinste Gewebeveränderungen von ca. 5 mm. Dafür taste ich sie systematisch nach dem Discovering-Hands-Verfahren ab: Zentimeter für Zentimeter in drei unterschiedlichen Tiefen. Diese Untersuchung tut nicht weh und dauert ca. 45 bis 60 Minuten. Jede Frau kann eine Tastuntersuchung durchführen lassen, egal, ob sie 18 oder 80 Jahre alt ist.



Nach dem Anamnesegespräch mit der Patientin taste ich ihre Lymphknoten an verschiedenen Stellen ab. Anschließend klebe ich ihr fünf Streifen auf ihren Oberkörper. Diese teilen die Brüste in verschiedene Zonen ein und bilden ein Koordinatensystem. Sie haben unterschiedliche Markierungen, die der Orientierung und später auch der Dokumentation dienen. Während die Patientin auf dem Rücken und auf der Seite liegt, taste ich mich systematisch durch das Brustgewebe.

Als MTU darf ich keine Diagnose stellen. MTUs können keinen „Krebs tasten“, sondern lediglich Auffälligkeiten im Brustgewebe aufspüren. Ich arbeite zusammen mit dem Arzt im Team; nur er allein entscheidet über weitere Maßnahmen. Eine Tastuntersuchung durch uns ist auch keine Alternative zum bildgebenden Verfahren, sondern eine Ergänzung.



Es ist eine wundervolle Tätigkeit, als MTU zu arbeiten. Ich lerne durch diese Arbeit so viele verschiedene Menschen kennen. Die Patientinnen vertrauen auf meinen Tastsinn. Es ist natürlich auch eine sehr bewegende Tätigkeit. Schließlich muss ich sie erst einmal dort abholen, wo sie sich gerade befinden. Denn viele Patientinnen kommen mit einer gewissen Angst zu mir. Diese nehme ich ihnen – und das ist ein schönes Gefühl.

Die Tätigkeit als MTU ist mit Verantwortung und viel Abwechslung verbunden. Kein Tag gleicht dem anderen. Außerdem trägt diese Arbeit auch einen großen Teil zur Integration von Menschen mit Sehbehinderung bei. Denn oft sind die Menschen uns gegenüber zurückhaltend und haben Berührungsängste.

Als MTU kann ich beweisen, dass ich ein Mensch bin wie jeder andere. Durch mein Handicap kann ich etwas, was Menschen mit gesunden Augen nicht können. Ich kann mit meinen Fingerspitzen, wenn sie richtig eingesetzt werden, Leben retten. Und diese Fähigkeit macht mich stolz. Je eher Brustkrebs entdeckt wird, desto besser sind die Heilungschancen. Solange der Tumor noch sehr klein ist und nicht gestreut hat, ist die Erkrankung nicht lebensbedrohlich.

Ich bin MTU mit Leidenschaft und freue mich jeden Tag auf meine Patientinnen. Ich bin so glücklich darüber, dass sich meine Berufswahl in die Richtung meiner Träume gelenkt hat.