Home sweet Homeoffice

 

„Homeoffice als Laborant – wie geht das denn“? Eine Frage, die Holger Franzke gerne beantwortet. Der Bayer-Mitarbeiter gehört zu den Teilnehmern eines Experiments. Es soll klären, ob diese flexible Arbeitsform auch für Laborbeschäftigte geeignet ist.

Raus aus den Federn, duschen und dann Frühstück. Holger Franzke holt dazu eine hübsche Porzellankanne aus seinem Küchenschrank. Die hatten ihm seine Chefin und Kollegen zum 50. Geburtstag geschenkt. Er trinkt gerne Tee, auch während der Arbeit. Als Chemielaborant hantiert er geschickt mit Flüssigkeiten, Filtern und Gefäßen – ein Teeaufguss ist somit ein Leichtes. Und schon geht er mit seinem Tablett eine Tür weiter ins Wohnzimmer zu seinem Arbeitsplatz.

Ein Labor hat Herr Franzke bei sich zu Hause natürlich nicht. Auch keinen Chemiebaukasten im Hobbykeller. Seine Versuche finden nach wie vor im Forschungszentrum am Bayer-Standort Wuppertal statt. Allerdings bietet sich dem Labortechniker neuerdings die Möglichkeit, die Dokumentation der Versuche zu Hause am Computer zu erledigen.

Mobiles Arbeiten nutzt der 50-Jährige vor allem dann, wenn es „gerade sinnvoll“ ist. „Das hat viele Vorteile“, sagt Franzke. Morgens kein Stau. Vormittags den Handwerker ins Haus lassen. Nachmittags kurz nach den betagten Eltern schauen. Abends die Auswertung noch fertig machen. Alles kein Problem.

Diese Freiheiten bei der Zeiteinteilung seien nicht der einzige Pluspunkt, so Franzke: „Es gibt einige Arbeiten, die ich sehr konzentriert am Bildschirm erledigen muss. Dann nutze ich die Ruhe zu Hause in meinen eigenen vier Wänden.“ Dort ist die Ablenkung geringer, schon allein weil dort keine weiteren sechs Laboranten in einem Raum mit Versuchen beschäftigt sind. „Allerdings muss man schon ein bisschen Eigendisziplin und Zeitmanagement mitbringen, damit die Arbeitsabläufe auch zu Hause gut funktionieren“, sagt Franzke.

Wir leisten Pionierarbeit und haben die Chance, Vorreiter zu sein.

Er gehört zu einer Gruppe von 40 freiwilligen Testpersonen: Sie probieren am Institut für Medizinische Chemie am Bayer-Standort Aprath dieses zeitgemäße Modell der Arbeitszeit-Flexibilisierung aus. Das Besondere: Es handelt sich ausnahmslos um Labormitarbeiter. Das Thema Homeoffice ging bisher an dieser Berufsgruppe völlig vorbei. Damit soll nun Schluss sein. „Wir leisten Pionierarbeit und haben die Chance, Vorreiter zu sein“, sagt Institutsleiter Helmut Haning. Dabei seien die vorgeschlagenen Neuerungen anfänglich auch mit gewisser Skepsis betrachtet worden. „Betriebe, Vorgesetzte, aber auch Arbeitskollegen haben nicht selten ein antiquiertes Verständnis von Arbeitsorganisation. Oft herrscht in Unternehmen eine Präsenz- und Kontrollkultur.“ So habe Haning bei der ersten Infoveranstaltung nicht nur bei Vorgesetzten, sondern auch bei Mitarbeitern in viele kritische und fragende Gesichter geblickt. Wie funktioniert die Zusammenarbeit, die Arbeitszeiterfassung, der Datenschutz, die Trennung von Büro und Privatleben? Fragen über Fragen.

Flexible Modelle bei Bayer

Bei Bayer gibt es zwei unterschiedliche flexible Arbeitsformen:

Mobiles Arbeiten ist im allgemeinen Sprachgebrauch unter dem Begriff „Homeoffice“ stark verbreitet. Dabei handelt es sich um gelegentliches mobiles Arbeiten, wobei in Abstimmung mit dem Vorgesetzten die Aufgaben außerhalb des betrieblichen Arbeitsplatzes - beispielsweise von zu Hause aus (Homeoffice), während einer Dienstreise im Hotel oder an einem beliebigen anderen geeigneten Ort - erledigt werden. Für mobiles Arbeiten ist keine schriftliche Zusatzvereinbarung erforderlich.

Bei Telearbeit wird regelmäßig und planmäßig ein Teil der Arbeit von zu Hause aus erledigt, wobei die Beschäftigten einen Tag oder mehrere Tage pro Woche von zu Hause und an den übrigen Tagen am betrieblichen Arbeitsplatz tätig sind. Die Telearbeit wird in einer schriftlichen Zusatzvereinbarung zum Arbeitsvertrag geregelt.

„Gutes Arbeiten bei Bayer. Gesund. Zufrieden. Erfolgreich.“ ist eine Initiative, die der Betriebsrat und HR Deutschland Ende 2017 ins Leben gerufen haben. In mehreren Impuls-Workshops werden Vorstellungen und Ideen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für „Gutes Arbeiten bei Bayer“ zum Teil standortübergreifend ermittelt. Daraus wird Bayer konkrete Verbesserungen für den Arbeitsalltag seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter initiieren und umsetzen.

Mittlerweile sind die Bedenken aus dem Weg geräumt und die Rückmeldungen hervorragend. Auch andere Abteilungen und Standorte der Bayer AG haben sich inspirieren lassen. Demnächst soll ein ähnliches Modell in Berlin gestartet werden. Und selbst für Wechselschichtler in der Produktion wird im Konzern über innovative und flexible Arbeitszeitmodelle diskutiert.

Von guten Bedingungen für eine gesteigerte Work-Life-Balance profitiert nicht nur der Arbeitnehmer. Auch das Unternehmen hat dadurch Vorteile. Zum einen zufriedenere und dadurch produktivere Arbeitnehmer, zum anderen einen Wettbewerbsvorteil auf dem Arbeitsmarkt. „Der demographische Wandel führt zu einer Verknappung von Fachkräften“, erklärt Dr. Hartmut Klusik. Beim Konkurrenzkampf um die Arbeitskräfte müsse das Unternehmen, so der Bayer-Arbeitsdirektor, als attraktiver Arbeitgeber ins Rennen gehen. „Wer da nichts zu bieten hat, sieht alt aus im Werben um die Jungen.“

Tipps für den Arbeitsalltag im Homeoffice

Viele Mitarbeiter träumen von der Möglichkeit des mobilen Arbeitens. Nicht mehr pendeln, kein Stau, keine überfüllte Bahn – mehr Freiheit, Selbstbestimmung, Umweltentlastung und Erholung. Paradiesische Arbeitsbedingungen? Nicht unbedingt – es gibt viele Dinge dabei zu beachten.

  • Vorgesetzte und Mitarbeiter sollten über Entscheidung zum Homeoffice offen und transparent kommunizieren. So wird Unzufriedenheit und Neid im Team vermieden.
  • Manche Menschen sind nicht für die Arbeit im Homeoffice gemacht. Einigen fehlen die Sozialkontakte, andere schaffen es nicht, sich selbst zu organisieren. Probieren Sie es einfach aus.
  • Die Technik muss einwandfrei funktionieren. Auch der notwendige Datenschutz muss gewährleistet sein.
  • Das Arbeitszeitgesetz muss eingehalten werden. Die Arbeitszeit sollte dokumentiert werden.
  • Achten Sie darauf, dass Homeoffice nicht zu einer Doppelbelastung „Familie und Beruf“ wird.

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