Gewonnene Zeit

Die Diagnose Krebs kommt oft aus heiterem Himmel. Und ist ein schwerer Schicksalsschlag. Weltweit arbeiten Forscher daran, den Krebs gezielter zu bekämpfen. Dafür haben Bayer-Wissenschaftler einen radioaktiven Wirkstoff zur Behandlung von Patienten mit Prostatakrebs entwickelt – der zweithäufigsten Krebsart bei Männern weltweit. Siegfried Stark hat diese Therapie geholfen.

Mit der Zeit werden viele Dinge wertvoller. Zum Beispiel das grüne Rennrad von Siegfried Stark. Ein echtes Liebhaberstück. Damit ist der pensionierte Maurer früher rund 3.000 Kilometer im Jahr geradelt, bergauf und bergab. Es ist nur eines von insgesamt zehn Fahrrädern, die im Keller seines Einfamilienhauses in Gieboldehausen bei Göttingen in Deutschland stehen. Aber das kostbarste – zumindest für ihn. An dem Rad hängen viele Erinnerungen.

Aktiv bleiben trotz Krebs: Siegfried Stark zeigt, wie er trotz seiner Krankheit ein erfülltes Leben führt.

Heute ist der 77-Jährige heilfroh, dass er das Fahrrad wieder nutzen kann. Denn vor dreieinhalb Jahren wurde bei ihm Prostatakrebs festgestellt. Die meisten Patienten mit Prostatakrebs erhalten ihre Diagnose mit über 70 Jahren. Bei Stark hatte der Krebs bereits in die Beckenknochen gestreut, also Metastasen gebildet. „Als ich die Diagnose erhielt, war ich schockiert. Das konnte ich nicht fassen. Ich habe doch immer versucht, gesund zu leben“, sagt Stark. Seit seinem 50. Lebensjahr ging er jährlich zur Krebsvorsorge. „Plötzlich stand diese Diagnose im Raum. Da flogen mir die Gedanken durch den Kopf. Der Tod war plötzlich nah. Das war nicht einfach für mich und meine Familie.“ Zumal es nicht das erste Mal war, dass Stark sich mit dem Thema Krebs auseinandersetzen musste: Bei seiner Tochter Manuela wurde bereits als Schülerin Lymphknotenkrebs diagnostiziert – und dann mit Mitte dreißig auch noch Brustkrebs. Es folgten Chemotherapien und eine Operation. Heute lebt die 48-jährige Verwaltungsfachangestellte mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern nicht weit von ihren Eltern entfernt. „Meine Tochter hat den Krebs zwei Mal überlebt. Das hat mir Auftrieb gegeben“, sagt Stark.

Siegfried Stark

Es wäre schön, wenn ich noch einige Jahre aktiv leben könnte.

Der Vater dreier Kinder und zweifache Großvater wurde zunächst mit einer Hormonentzugstherapie behandelt, um das Krebswachstum zu unterdrücken. Es folgte eine Chemotherapie mit sechs Zyklen, die der Rentner aber schlecht vertrug. „Ich litt unter Nebenwirkungen und starken Schmerzen“, erinnert er sich. Zunächst ging der PSA-Wert, der sowohl bei der Diagnose als auch bei der Überwachung der Therapie eine Rolle spielt, runter, stieg dann aber nach der letzten Chemotherapie wieder an. Die Krankheit bedeutete für den agilen Familienvater, der sein Leben lang körperlich hart gearbeitet hat, ein ständiges Auf und Ab. Bis er am Universitätsklinikum Göttingen mit einer Therapie behandelt wurde, bei der die Knochenmetastasen mit radioaktiven Alphastrahlen bekämpft werden, die das umliegende Gewebe nur gering beeinträchtigen.

Die Strahlung geht von Radium 223 aus und führt zu Brüchen der Doppelstränge der DNA in den Krebszellen. Diese Brüche sind irreparabel und können zum Absterben der Krebszelle führen. Erneute nuklearmedizinische Verfahren zur Bildgebung, sogenannte Skelettszintigrafien, ergaben, dass sich bei Siegfried Stark die bekannten Knochenmetastasen zurückgebildet hatten und keine neuen aufgetreten waren.

„Das Radium ähnelt von seiner chemischen Struktur dem Calcium und lagert sich dort an, wo im Körper besonders viel Knochenstoffwechsel stattfindet – zum Beispiel bei einem unkontrollierten Wachstum von Krebszellen im Knochenbereich wie bei Knochenmetastasen“, erläutert Scott Fields, Leiter von Oncology Development in der Division Pharmaceuticals. Das hilft bei Prostatakrebs, der im fortgeschrittenen Stadium häufig in die Knochen streut. Nach den Ergebnissen einer Phase-III-Studie mit mehr als 900 Patienten ist der Wirkstoff mittlerweile in mehr als 50 Ländern weltweit zugelassen. Jetzt forschen die Bayer-Wissenschaftler daran, diese Technologie auch für andere Krebsarten einsetzen zu können. Sie untersuchen Thorium 227 in ersten klinischen Studien. Von der Substanz gehen ebenfalls Alphastrahlen aus, die die DNA der Krebszelle irreparabel schädigen. Um verschiedene Krebszellen gezielt bekämpfen zu können, wird das Thorium an ein Trägermolekül gekoppelt, zum Beispiel einen krebsspezifischen Antikörper, der wiederum an Krebszellen andocken kann. „Damit lassen sich auch andere Krebsarten bekämpfen. Deshalb untersuchen wir diesen Ansatz bei verschiedenen Tumorarten“, sagt Fields.

Siegfried Stark aus Gieboldehausen hat das Fortschreiten seiner Krebserkrankung durch die Behandlung mit der gezielten Alphastrahlentherapie zurückdrängen können. Er kann also weiterhin mit seiner Frau Marlies Obst und Gemüse im Garten anbauen und sein Haus in Schuss halten. Und er kann weiterhin so viel Zeit wie möglich mit seinen Kindern und Enkelkindern verbringen – und natürlich mit seinem grünen Rennrad. Stark: „Es wäre schön, wenn ich noch einige Jahre aktiv leben könnte.“