Frauen sollen die gleichen Chancen haben

Shilpa Divekar Nirula ist davon überzeugt, dass Menschen sich ihre Chancen anhand ihrer Leistungen und nicht anhand ihres Geschlechts verdienen. Bei Bayer verantwortet sie die regionale Geschäftsstrategie von Crop Science Commercial Operations in der Region Asien-Pazifik. Zuvor leitete sie bei Monsanto die Commercial Operations in Indien. Zum Internationalen Frauentag blickt sie auf ihren Werdegang zurück.

Janice Chow

Shilpa Divekar Nirula

Lead for ‘Regional Business Strategy’ within Crop Science Commercial Operations APAC

Während meines gesamten Lebens, sowohl in der Ausbildung als auch im Beruf, war ich nie der Ansicht, dass Frauen bei ihren Chancen zur beruflichen Weiterentwicklung anders behandelt werden müssten als Männer. Ich glaube vielmehr daran, dass sich Menschen ihre Chancen durch Leistungen verdienen.

Innerhalb unseres Unternehmens habe ich keinerlei Diskriminierung zwischen den Geschlechtern erlebt. Doch wenn ich draußen auf dem Feld mit Landwirten oder Vertriebspartnern zusammenarbeite, werden die Unterschiede schon deutlicher. In den Dörfern trauen viele Frauen sich erst dann zu einer Runde dazuzukommen und an einer Besprechung teilzunehmen, wenn schon eine andere Frau – in dem Fall ich – dabei ist. Sie fühlen sich dann wohler. Ich erinnere mich an eine interessante Begebenheit in Bihar vor einigen Jahren: Ein pensionierter Regierungsbeamter sagte im Gespräch mit Landwirten, dass er in seiner gesamten beruflichen Laufbahn niemals erlebt hätte, dass eine Frau ein Treffen von Landwirten leitete. Das hat mir die Augen geöffnet. Er fügte hinzu, wie wichtig er es fände, dass die Dorfbewohner auch ihre Töchter dazu ermutigten, selbstsicher aufzutreten und Verantwortung zu übernehmen. Solche Erfahrungen macht man sicher nicht jeden Tag. Aber es gibt sie, diese Momente, in denen man merkt, dass man Teile der Gesellschaft – direkt oder indirekt – beeinflussen kann.

Zu Beginn meines beruflichen Werdegangs war ich zunächst für achteinhalb Jahre als Beraterin in verschiedenen Branchen tätig, bis mich eines der Unternehmen fragte, ob ich Teil ihres Teams werden wollte. Dadurch musste ich meine Komfortzone verlassen. Heute bin ich froh, dass ich den Sprung ins kalte Wasser gewagt habe. Als das Angebot von Monsanto kam, war mein Sohn noch sehr klein und ich hatte zu Hause alle Hände voll zu tun. Deswegen wollte ich mich beruflich nicht verändern. Doch dann habe ich mit mehreren Leuten darüber gesprochen, und das Unternehmen begann mich zu interessieren. Den Ansatz, zu investieren, um die langfristigen Bedürfnisse der Kunden und Landwirte in der Zukunft erfüllen zu können, fand ich sehr interessant. So kam ich zum allerersten Mal mit der Landwirtschaft in Berührung. Meine Begeisterung wurde durch die vielen neuen Dinge, die ich lernen konnte, befeuert – und durch das große Veränderungspotenzial dieser Branche, die in Indien noch ganz am Anfang ihrer Entwicklung steht.

Wenn man neue Aufgaben übernimmt, muss man auch lernen, Niederlagen zu meistern. Ich übernahm ausgerechnet in einer sehr schwierigen Zeit Verantwortung für das Geschäft mit Maissaatgut und merkte, dass eine Wende nicht innerhalb eines Jahres zu erzielen war. Wir würden mehrere Jahre strategischer Planung benötigen, um etwas zu bewirken. Hier habe ich gelernt, schwierige Zeiten und Niederlagen durchzustehen. Später wechselte ich in den Bereich Corporate Affairs. Es fiel mir damals noch schwer, mit Personen zu interagieren, die ich nicht kannte. Diese neue Stelle beförderte mich auf völlig unbekanntes Terrain. Obwohl ich damit ein großes Risiko einging, war der Umgang mit Regierungs-, Presse- und Branchenvertretern eine großartige Chance, mich persönlich weiterzuentwickeln.

Übernimmt man Positionen, in die man hineinwachsen muss, ist die Lernkurve phänomenal. 

Gute Führung ist meiner Ansicht nach ein langer Weg, auf dem man in jeder neuen Rolle mit einer neuen Kultur umgehen muss – über verschiedene Länder, Organisationen, Funktionen und Arbeitsweisen hinweg. Übernimmt man Positionen, in die man hineinwachsen muss, ist die Lernkurve phänomenal. Und wenn man eine Herausforderung annimmt, sollte man so viel wie möglich lernen und sich das Vertrauen des neuen Umfelds erarbeiten. Dann ist die halbe Arbeit schon getan.

Glücklicherweise habe ich sehr viel familiäre Unterstützung. Mein Mann hat eine sehr große Familie, und meine Mutter war auch immer da, um mir zu helfen. Mein Sohn hat während seiner prägenden Lebensjahre viel Zeit mit seinen Großeltern und in der Großfamilie verbracht, vor allem, wenn ich unterwegs war. Manchmal war es ein Drahtseilakt und ein Kampf an vielen Fronten gleichzeitig. Es gab auch Zeiten, in denen ich so sehr mit meiner Arbeit beschäftigt war, dass ich Stunde um Stunde im Büro verbrachte. Doch mein Sohn brauchte ebenfalls meine Aufmerksamkeit für seine Schullaufbahn und seine persönliche Entwicklung. Mir wurde klar, dass das eine nicht auf Kosten des anderen gehen darf. Ich musste Prioritäten setzen.

Einsatz ist etwas, das ich von meinem Vater gelernt habe. Er hat nie Pausen gemacht – obwohl wir heute wissen, dass das auch kein wirklich guter Ansatz ist. Er glaubte daran, dass man jeden Tag mit ehrlichem Einsatz arbeiten muss. Das hat mich geprägt. Auch von meiner Mutter habe ich viel gelernt. Sie hatte aufgehört zu arbeiten, als ich ein Kleinkind war, und fing dann wieder an, als mein Vater starb und ich im Studium war. Viele dachten damals, sie würde es nicht schaffen, doch sie wollte mir Mut machen, mein Studium zu beenden, und hat es allen bewiesen, indem sie in die Berufswelt zurückkehrte. Abgesehen von meinen Eltern hat mich auch ein Zitat von Kailash Satyarthi inspiriert, dem indischen Friedensnobelpreisträger. Er sagte einmal: „Wenn nicht jetzt, wann dann? Wenn nicht Du, wer dann?“

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