Flüchtlingshilfe auf Samos: Kein Flüchtling soll barfuß gehen

 

Die Zustände im Flüchtlingslager auf Samos, Griechenland, sind katastrophal. Und die schlimmste Kälte kommt erst noch. Bayer-Mitarbeiterin Daniela Neuendorf war als humanitäre Helferin vor Ort. Sie und ihr Team haben den Flüchtlingen auch Spenden überbracht – darunter dringend benötigte Schuhe.

Rahman (Name geändert) und seine Kinder haben es über die Türkei mit dem Schlauchboot auf die Insel Samos geschafft. Sie haben mit der Flucht aus Syrien alles verloren. Aber sie leben.

Der Sohn ist acht Jahre alt, die Tochter vier. Sie sitzen mit Schnittverletzungen und offenen Wunden an den Füßen bei Bayer-Mitarbeiterin Daniela Neuendorf in der kleinen Notfallpraxis. Neuendorf versorgt die Verletzungen und bandagiert die Füße. Eigentlich ist sie Projektmanagerin und bei Bayer für Foundations and Societal Engagement zuständig. In ihrem Urlaub engagiert sie sich ehrenamtlich in der humanitären Nothilfe und kümmert sich gemeinsam mit ihrem Mann um die Versorgung der Geflüchteten – die sechsjährige Tochter bleibt dann bei Oma und Opa.

Daniela Neuendorf

Der syrische Vater erzählt: vom Krieg, von der Flucht, vom Leben, das er zurückließ. Er sei Kranführer, das sei ein gut bezahlter und sicherer Job. Trotzdem ist er geflohen: Er hatte Angst um das Leben seiner Kinder.

„Samos ist schlimmer als andere Camps“

Was die drei jetzt auf Samos erwartet, ist nur schwer vorstellbar, wenn man es nicht gesehen hat. Neuendorf ist mit erfahrenen Helfern gekommen, die schon viele Flüchtlingslager und viel Elend gesehen haben. „Aber Samos ist schlimmer als andere Camps“, sagt sie.

Geplant war das Camp für 650 Menschen, im Oktober 2019 leben hier fast 7.000 - jeder Zweite ist ein Kind. Es fehlt an allem: Platz, Schutz, Essen, Kleidung, Schlafsäcke, Decken, Toiletten, Medikamente, Wasser, Duschen, Schuhe. Neuendorf und ihr Team haben deshalb auch einen Lkw mit Hilfsgütern nach Samos geschickt.

Oben in den Hügeln von Samos haben sie zwölf Paletten Ware abgeladen: Medikamente, Verbandsmaterial, Winterkleidung für Kinder, Shampoo, Windeln. Aber auch die dringend benötigten Schuhe: 500 Paar. Einen Teil davon spendeten Bayer-Mitarbeiter. Sie halfen auch beim Sammeln und Verladen. Organisiert hatten sie sich die Helfer über Prosi, eine Plattform, über die sich Kolleginnen und Kollegen des Bayer-Konzerns für den guten Zweck gegenseitig unterstützen.

Plötzlich stand das Flüchtlingslager in Flammen

Die Ware hätte schon am Vortag an die Flüchtlinge verteilt werden sollen. Dann stand am 15. Oktober 2019 spätabends plötzlich das Flüchtlingslager in Flammen. „Wir mussten daraufhin erstmal die vielen Verletzten versorgen“, erklärt Neuendorf den Grund für die Verschiebung.

Eine französische Hilfsorganisation hat in der Hauptstadt von Samos, Vathy, ein kleines Ladenlokal gemietet. „Auf der Fläche einer Pommesbude arbeiten vier bis fünf Ärzte und ein bis zwei Pfleger oder Sanitäter gegen die Zeit. Sie versuchen, die medizinische Versorgung von mehr als 6.000 Menschen sicherzustellen.“

Erster Einsatz rüttelte sie wach

Neuendorfs erster Kontakt mit Geflüchteten war vor vier Jahren auf der Balkanroute in Röszke, Ungarn. Sie brachte dort Verbandsmaterialien, Medikamente und Milchpulver hin und sah das Leid.

Kurz zuvor war im September 2015 auf der gegenüberliegenden Seite in der Türkei der Leichnam von Alan Kurdi angespült worden. Während das Foto des ertrunkenen zweijährigen syrischen Jungen um die Welt ging, bereitete Neuendorf den Transport von Hilfsgütern für Lesbos vor und machte sich auf den Weg dorthin.

Auf der Fläche einer Pommesbude arbeiten vier bis fünf Ärzte und ein bis zwei Pfleger oder Sanitäter gegen die Zeit.

Anfangs dachte sie, nach ein, zwei Jahren wäre das Schlimmste vorbei. Aber die Flüchtlingskrise hält an. Inzwischen hat sie einen Verein gegründet, Refugees Foundation. Und auch die nächsten Aktionen sind schon geplant: Während der Weihnachtsfeiertage fährt sie zum Beispiel ihren 28. Einsatz.

Nach dem Verarzten der Füße gibt Neuendorf den Kindern und dem Vater je ein Paar Schuhe. Eigentlich ist es verboten, außer der Reihe etwas zu verteilen. „Aber hier war es eine medizinische Notwendigkeit. Wunden versorgen, bandagieren und dann barfuß wieder losschicken – das macht keinen Sinn“, sagt Neuendorf.

So wie Kriege keinen Sinn machen. Irgendwann, wenn Syrien wieder ein sicheres Land ist, sagt der Vater, wolle er zurück. Zurück in die Heimat.