Helmut Schramm

Eine kluge Entscheidung

Die Grünen fordern, den Einsatz von Pestiziden zu reduzieren. Aber die Behauptung, in Deutschland kämen immer mehr Pestizide auf den Acker, ist falsch. In Wahrheit wurde der Wirkstoffaufwand pro Hektar kontinuierlich reduziert.

Der Bundestagsausschuss für Ernährung und Landwirtschaft hat einen Antrag der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen (19/835) abgelehnt, der nach Angaben der Bundestagsabgeordneten Harald Ebner, Renate Künast und weiterer Autoren darauf abzielte, „Pestizide jetzt wirksam zu reduzieren“. Offenbar haben die Mitglieder des Ausschusses den Antrag sehr genau unter die Lupe genommen und am Ende eine gut überlegte und weitsichtige Entscheidung getroffen.

Dr. Helmut Schramm

Helmut Schramm

Geschäftsführer Bayer Crop Science Deutschland

Denn – um es vorweg zu nehmen – die dreiseitige Argumentation verschweigt Fakten und unterstellt Zusammenhänge, die nicht belegt sind. Damit werden Verbraucher verunsichert und die Arbeit der Landwirte diskreditiert. Daher an dieser Stelle – trotz Ablehnung im Agrarausschuss – noch eine etwas ausführlichere Analyse:

Bündnis 90/Die Grünen kritisieren in ihrem Antrag zunächst einen „massiven Anstieg des Pestizidabsatzes in Deutschland“. Im Vergleich zu 1995 würden auf deutschen Äckern inzwischen „50 Prozent mehr Pestizide“ eingesetzt. Das damit erzeugte Bild beim Verbraucher: Auf deutschen Feldern wird immer mehr „Gift“ gespritzt.

Auf unseren Tellern befinden sich heute die sichersten Lebensmittel, die wir jemals hatten.

Doch genau dieses Bild ist falsch. Denn die von Landwirten verwendete Menge an Pflanzenschutzmitteln ist seit 1988 maßgeblich nur aus zwei Gründen gestiegen: Erstens hat der Verbrauch inerter Gase stark zugenommen. Diese Gase werden nicht etwa auf dem Feld, sondern ausschließlich bei der Lagerung von Erntegut in geschlossenen Räumen, sprich Silos, verwendet. Diese entscheidende Differenzierung verschweigt der Antrag ebenso wie den zweiten Grund für den Anstieg: Die Verwendung von Pflanzenschutzmitteln für den ökologischen Landbau hat sich allein zwischen 2004 und 2015 mehr als verdoppelt. Im Jahr 2015 wurden in diesem Bereich mehr als 3.000 Tonnen eingesetzt. In erster Linie bedenkliche Präparate wie Kupferhydroxidverbindungen, Kaliumhydrogencarbonate, Pyrethrine, Eisen-III- Phosphate und Schwefelverbindungen.

Das wahre Bild sieht daher für den chemischen Pflanzenschutz so aus: Durch die Entwicklung neuer biologisch wirksamer Wirkstoffe, innovative Ausbringungstechniken und einen gezielten Einsatz wurde der Wirkstoffaufwand pro Hektar kontinuierlich reduziert. Neuere Wirkstoffe kommen heute mit geringen Aufwandmengen aus.

Getreideernte

Inlandsabsatz einzelner Wirkstoffgruppen. (Quelle: Umweltbundesamt)


Anders ausgedrückt: Auf einem Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche werden in Deutschland heute durchschnittlich etwa 1,7 Kilogramm Pflanzenschutzmittel eingesetzt. Ein Hektar sind 10.000 Quadratmeter, macht 0,17 Gramm Wirkstoff pro Quadratmeter. Wenn also Bündnis 90/Die Grünen in ihrem Antrag behaupten, dass „Pestizide direkt auf unseren Tellern landen“ und damit in unserem Körper, ist das ein mehr als verzerrtes Bild, denn auf unseren Tellern befinden sich heute die sichersten Lebensmittel, die wir jemals hatten.

Unhaltbar ist auch die Aussage, in der Landwirtschaft könnten bis zu 60 Prozent weniger Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, ohne dass die Ernte dadurch in Ertrag oder Qualität geringer ausfallen würde. Richtig ist, dass mit einer weitreichenden Umstellung auf ökologischen Landbau die Erträge im Durchschnitt um circa 50 Prozent zurückgehen würden und Importe von Agrargütern entsprechend steigen müssten. Die Umsetzung des Antrags ginge so zu Lasten der Landnutzung und Lebensbedingungen in Drittländern. Auch wären massive Verwerfungen in der gesamten Agrarbranche mit dem Verlust von Wertschöpfung und Arbeitsplätzen in Deutschland die Folge.

Moderne Landwirtschaft stellt sich ihrer Verantwortung

Außerdem geht es im Antrag von Bündnis 90/Die Grünen um die Studie der Krefelder Insektenforscher. Mehr als 70 Prozent der Insektenbiomasse und eine Vielzahl von Arten seien in den vergangenen 27 Jahren verloren gegangen. Dieses Insektensterben sei auch auf den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zurückzuführen. Die im Antrag zitierte Studie stellt allerdings nur den Rückgang fest, ohne eine Begründung zu liefern. Umfassende Infrastrukturmaßnahmen mit daraus folgenden Flächenverlusten, Lichtverschmutzung oder Klimaveränderungen haben ebenfalls signifikante Einflüsse auf die Artenvielfalt und müssen in jedem Fall Teil der Biodiversitäts-Diskussion sein. Moderne Landwirtschaft stellt sich ihrer Verantwortung, produktive Landnutzung und Förderung der Artenvielfalt gleichermaßen zu realisieren. Wir begrüßen und unterstützen die Forschung auf diesem Gebiet. Statistikprofessor Walter Krämer von der Universität Dortmund hat die Studie, auf die sich der Antrag der Grünen bezieht, vor wenigen Monaten mit dem Titel „Unstatistik des Monats“ ausgezeichnet.

Völlig haltlos ist auch die unbegründete Behauptung, dass Glyphosat die Bodenlebewesen schädige und somit die Grundlage für den Anbau unserer Lebensmittel entziehe. Das Gegenteil ist der Fall: Glyphosat ermöglicht eine pfluglose Bodenbearbeitung, die schonend für Bodenlebewesen ist, Bodenerosion durch Wasser und Wind stark verhindert sowie zudem den Ausstoß von CO2 reduziert.

Insofern sei den Mitgliedern des Ausschusses für Ernährung und Landwirtschaft an dieser Stelle empfohlen, auch beim nächsten Mal genau hinzuschauen, wenn sie einen Antrag des Fraktion Bündnis 90/Die Grünen auf dem Tisch haben.