Ein realer Albtraum: Der Kampf gegen die Heuschreckenplage von 2020

 

Sie sind unberechenbar. Sie erscheinen ohne Vorwarnung. Und wenn Sie dann einfallen, sind es Milliarden Eindringlinge. In der Dunkelheit fressen diese barbarischen Räuber alles, was grün ist. Nach wenigen Stunden ist jegliche Vegetation auf ihrem Weg verschwunden. Diese apokalyptische Vision ist keineswegs nur ein schlechter Traum, sondern Realität: Eine Heuschreckenplage befällt Länder in aller Welt, wobei Ostafrika und das Horn von Afrika zurzeit den schlimmsten Ausbruch seit Jahrzehnten erleben. Sie vernichtet riesige Flächen Ackerland und bedeutet für Millionen von Menschen das Risiko einer Hungersnot.

Gefräßige Heuschreckenschwärme sind wie eine riesige Wolke, die mehr als dreimal so groß ist wie New York City, über den Nordosten Kenias hergefallen, der es mit der schlimmsten Plage seit 70 Jahren aufnehmen muss. Im Bezirk Wachile in Äthiopien waren aufgrund der Heuschreckenschwärme im Mai über 15.000 Menschen gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen. Schwärme, die von Pakistan nach Indien unterwegs waren, gelangten zum ersten Mal seit 1962 bis in die nördlichen Staaten des Landes. Ende Juni wurden Menschen in Südamerika von den Behörden gewarnt, als ein Schwarm, der eine Fläche von 23 km2 abdeckte und aus Paraguay in Argentinien eingefallen war, in Richtung Uruguay weiterzog. Im Jemen bilden sich weiterhin Schwärme, deren Brut voraussichtlich den ganzen August vorherrschen wird und sich bis in die Küstenebenen des Roten Meeres erstrecken könnte. Ausgerechnet jetzt, inmitten der COVID-19-Krise, müssen Bauern und Landwirte in einigen der ärmsten Regionen der Welt einfallende Heuschrecken daran hindern, ihre lebenswichtigen Nutzpflanzen zu dezimieren und ihre Wiesenflächen abzugrasen, damit die Lebensmittelversorgung großer Bevölkerungsgruppen nicht gefährdet wird. Ohne ein sofortiges Eingreifen sind in diesem Sommer 4,9 Millionen Menschen in Ostafrika vom Hungertod bedroht. Pius Nyagah Muchenge, ein von der derzeitigen Plage betroffener kenianischer Bauer, erklärt die missliche Lage:

Ich habe Angst um meine Familie und meine Gemeinde. Unser schlimmster Albtraum ist der Mangel an Lebensmitteln, weil die Ernte durch Heuschrecken beschädigt wurde, der Mangel an käuflich erwerblichen Nahrungsmitteln aus demselben Grund und fehlendes Geld für diese Nahrungsmittel, falls sie angeboten werden.

Heuschrecken fressen ein Kohlblatt

Heuschrecken fressen ein Kohlblatt

Die Situation ist fatal, aber das Problem ist keineswegs neu: Heuschrecken sind die älteste Wanderplage der Welt. Heuschreckenplagen wurden schon zu Zeiten der Pharaonen im alten Ägypten dokumentiert; besonders bekannt ist natürlich die Schilderung im zweiten Buch Mose des Alten Testaments. Die größte Plage in der Geschichte der USA ereignete sich im Jahr 1875, als ein aus Billionen der heute ausgestorbenen „Felsengebirgsschrecken“ bestehender Schwarm in einer Größe von ca. 2900 mal 180 Kilometern über den Mittleren Westen der USA hinweg zog. Bemerkenswerte Befälle aus der jüngeren Vergangenheit ereigneten sich von 2003 bis 2005 in Westafrika, 2013 in Madagaskar, 2015 in Russland, 2016 in Argentinien und 2019 auf der italienischen Insel Sardinien.

Wissenschaftler haben den Klimawandel als Hauptfaktor der gegenwärtigen Plage ausgemacht. Außergewöhnliche Witterungsverhältnisse wie extreme Hitze, starke Wirbelstürme und ungewöhnlich heftige Regenfälle auf der arabischen Halbinsel schaffen Idealbedingungen, unter denen die erwachsene Heuschreckenpopulation geradezu explodiert. Wenn keine angemessenen Gegenmaßnahmen ergriffen werden, kann es zu katastrophalen Plagen kommen, die erst nach mehreren Jahren und mit einem enormen finanziellen Aufwand von mehreren hundert Millionen US-Dollar unter Kontrolle gebracht werden können und die schwerwiegende Folgen für die Nahrungsmittelsicherheit und den Lebensunterhalt von Menschen nach sich ziehen. Hinzu kommt, dass wir uns in einer Lage befinden, in der COVID-19 in Ländern, deren Konjunktur in hohem Maße von der Landwirtschaft abhängt, einen hohen Druck auf die Nahrungsmittelsysteme ausübt. So sind in Kenia und Uganda beispielsweise ca. 75 % der Arbeitnehmer in der Landwirtschaft beschäftigt, die für etwa ein Drittel des Bruttosozialprodukts dieser Länder verantwortlich ist. Muchenge beschreibt die Krise, mit der sich die Bauern in seiner Region auseinandersetzen müssen, so: „Was soll man machen, wenn man unglaublich hart am Anbau von Nutzpflanzen arbeitet, dann aber etwas völlig Unerwartetes eintritt – etwas, worauf man keinen Einfluss hat und das die gesamte Ernte vernichtet, mit der man im Wesentlichen seinen eigenen Lebensunterhalt und den seiner Familie bestreitet?... Natürlich ist das eine Katastrophe.“ Die mit der mangelnden Nahrungsmittelsicherheit einhergehende Angst beherrscht auch Kaahwa Jean, einen Bauern in Uganda: „Ich mache mir Sorgen um die Bauern, die große Verluste erleiden und deren Versorgung mit Nahrungsmitteln gefährdet ist. Nahrungsmittel sind fürs Überleben eine Notwendigkeit. Deshalb ist die gesamte Gemeinde direkt oder indirekt betroffen, wenn das Essen knapp wird und die Preise steigen.“

Nach Schätzungen von Oxfam leiden schon heute 25,5 Millionen Menschen in Burundi, Äthiopien, Kenia, Somalia, Südsudan, Sudan und Uganda unter Hunger und schwerer Unterernährung infolge von Dürreperioden und starken Überflutungen. Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (Food and Agriculture Organization of the United Nations, FAO) warnt, dass die Heuschreckenwelle bei einer ungebremsten Fortsetzung der Ausbreitung den Lebensunterhalt von 10 % der Weltbevölkerung bedrohen kann. Ohne breitflächige Maßnahmen zur Eindämmung der Heuschrecken können der wirtschaftliche Schaden und Verlust bis Ende 2020 auf eine Höhe von 8,5 Mrd. USD anwachsen, was zu verbreiteten Hungersnöten, Krankheiten und mehr Armut führen wird.

Bis heute ist die einzig wirkungsvolle Methode zur Bekämpfung von Heuschreckenschwärmen dieser Größenordnung die Ausbringung von Insektiziden aus der Luft oder auf dem Boden, wenn die Insekten gerade ruhen, und eine präventive Behandlung der Brutgebiete. Für Jean sind die Insektizide „für den Pflanzenschutz unverzichtbar, weil sie uns in die Lage versetzen, einen ausreichenden Ertrag auf den Markt zu bringen. Ich wünschte, ich hätte wirkungsvolle Pestizide zur Bekämpfung der Heuschrecken.“ Mit diesem Wunsch ist er nicht allein. Zahllose Bauern in den betroffenen Gebieten suchen, wie Muchenge berichtet, händeringend nach geeigneten Produkten und entsprechenden Schulungen:

Wir müssen mit den richtigen Insektiziden für die Bekämpfung der Heuschrecken versorgt werden. Das Scheitern unserer traditionellen Methoden zur Bekämpfung solcher Insekten ist eine unserer größten Herausforderungen. Wir haben versucht, die Heuschrecken mit Lärm aus unseren Dörfern zu vertreiben, etwa indem wir auf Metallbleche geschlagen haben. Doch damit haben wir nicht viel erreicht. Insektizide werden hier nicht an jeder Ecke angeboten, und die meisten Bauern erhalten keine Anleitung dazu, welche sie einsetzen müssen. Deshalb hatten einige dieser Mittel überhaupt keine Wirkung.

Unzureichende Ausstattung und Finanzierung waren schon vorher an der Tagesordnung, wurden aber durch die weltweiten Reise- und Einfuhrbeschränkungen zur Eindämmung von COVID-19 noch weiter verschärft. Die Maßnahmen führten zu Unterbrechungen von Lieferketten und verzögerten die Lieferung von Produktvorräten und Überwachungsgeräten. Dr. Holger Kray, World Bank Practice Manager for Agriculture and Food Security, erläutert das Problem des mangelnden Bewusstseins für das Thema: „Wenn die Welt nicht von der schrecklichen COVID-19-Situation abgelenkt wäre, wäre der Heuschreckenbefall überall in allen Medien. Weil es überwältigend ist, es ist eine schreckliche Situation.“ Den Gemeinden bleibt kaum etwas anderes übrig, als die Heuschrecken zu vergraben oder zu versuchen, die Insekten mit Rauch, Trommeln, durch Schlagen gegen Dosen und Pfannen, Pfeifen, Hupen oder das Überdrehen der Motoren ihrer Traktoren zu vertreiben.

Heuschrecken – eine globale Bedrohung für Nahrung und Menschen

Um das Bewusstsein für die Krise zu schärfen, moderierte Bayer ein Livestream-Gespräch auf LinkedIn (Aufzeichnung auf Englisch hier). Baldwinder Singh Kang, ein Landwirt aus Indien schildert, was in seiner Gemeinde passiert, während anerkannte Experten der FAO, der Weltbank und von Bayer die Auswirkungen auf die Ernährungssicherheit diskutieren und was getan werden kann, um den Heuschreckenbefall zu stoppen, bevor er zu einer Plage wird.

Zu Beginn dieses Jahres rief die FAO zur Bereitstellung von Insektiziden auf, darunter auch Deltamethrin, eine Wirksubstanz, die sich bei der Bekämpfung von Wüstenheuschrecken als wirkungsvoll erwiesen hat. Bayer spendete 170.000 Liter Decis ULV, ein auf Deltamethrin basierendes Insektizid. Kenia und Uganda wurden als vorrangige Länder identifiziert, und das Produkt wurde an die ugandische und kenianische Regierung geliefert, weil es dort am dringendsten benötigt wird.

Eine fortlaufende Finanzierung, die den Zugang zu dringend benötigten Insektiziden ermöglicht, ist die einzige Möglichkeit zur sofortigen Bekämpfung der aktuellen Krise. Durch ordnungsgemäße Schulungen wird sichergestellt, dass der richtige Schutz in der richtigen Menge, am richtigen Ort und zum richtigen Zeitpunkt angewendet wird. Aber wie können wir potenziellen Invasionen zuvorkommen? Ein Patentrezept gibt es leider nicht. Wir brauchen eine integrierte Strategie, die in alle verfügbaren Mittel investiert und deren Einsatz vorsieht – von besseren Prognose- und Überwachungstechnologien bis zum kontrollierten Versprühen von chemischen und biologischen Pflanzenschutzmitteln.

In partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit führenden Vertretern der Agrarindustrie, Non-Profit-Organisationen und lokalen Regierungen entwickeln die FAO und die World Food Bank integrierte Pflanzenschutzprogramme, um die betroffenen Länder beim Ergreifen sicherer und effektiver Maßnahmen zur Überwachung, Behandlung und Vorbeugung von Schäden durch Insekten zu unterstützen. Keith Cressman, Senior Locust Forecasting Officer bei der FAO weist auf die Notwendigkeit hin, das Fachwissen von Partnern zu nutzen und in Technologien wie Data Science zu investieren: „Wir arbeiten bereits mit der NASA, der NOAA, der Europäische Weltraumorganisation, der Universität Cambridge zusammen… alle diese verschiedenen Institute haben ihre eigene Expertise.“ Mobile Überwachungsanwendungen stellen schon jetzt lokale Echtzeitberichte in Aussicht, die bessere Informationen darüber liefern, wo genau die Flugzeuge sprühen müssen. Modellierungen und der Gebrauch von Algorithmen haben das Potential, die Verbreitung der Schwärme vorherzusagen und somit eine optimale Kontrollstrategie zu identifizieren. In bestimmten Teilen der Welt kommen heute bei der Aussaat, beim Düngen und für den Pflanzenschutz Drohnen zum Einsatz. Indien hat als eines der ersten Länder den Einsatz von Drohnen zur Heuschreckenbekämpfung genehmigt. Bayer arbeitet mit mehreren Anbietern von Drohnentechnologie zusammen, um Heuschrecken in Rajasthan, einem der am schlimmsten betroffenen Staaten, zu bekämpfen. Diese Versuche werden in Zusammenarbeit mit den staatlichen landwirtschaftlichen Universitäten in Rajasthan durchgeführt, um Daten zur wirksamen Bekämpfung von Heuschrecken zu generieren. Pilotprogramme mit hochentwickelten Drohnenmodellen und Satellitenbildern zur intelligenten Darstellung von trockenem Mutterboden auf agrarwirtschaftlich genutzten Flächen, damit nach darunter befindlicher Feuchte gesucht werden kann, könnten die idealen Bedingungen für das Ablegen von Heuschreckeneiern vorhersagen und so einen Ausbruch verhindern.

Die gegenwärtige Heuschreckenkrise zeigt, dass Pflanzenschutz und agrarwirtschaftliche Innovationen schon immer einen entscheidenden Beitrag zur Sicherstellung der Nahrungsmittelsicherheit, des globalen Wohlstands und einer nachhaltigen Zukunft geleistet haben – und dies auch weiterhin tun werden. Landwirten in den betroffenen Regionen mangelt es selbst in guten Zeiten am Zugang zu den modernsten Technologien und den relevanten Schulungen, um eine gesunde Ernte zu erzielen. Um diese Heuschreckenkatastrophe wirklich in den Griff zu bekommen und eine humanitäre Krise zu verhindern, müssen sich die Partner auf globaler und regionaler Ebene in ihrer Entschlossenheit einig sein, in innovative Lösungen zu investieren und sicherzustellen, dass diese Bauern wie Pius Nyagah Muchenge zugänglich gemacht werden, die die Hoffnung nicht aufgeben wollen:

Wir beten und hoffen, dass die Heuschrecken nie mehr wiederkommen.

Den Feind verstehen: Hintergrundwissen über Heuschrecken

Locust GIF

Die momentane Heuschreckenkrise ist nur das neueste Beispiel für die Zerstörung, die Pflanzenschädlinge bewirken können. Wussten Sie, dass Insekten die größte Biomasse der Welt darstellen? Es gibt über 30 Millionen bekannte Arten von Nutz- und Schadinsekten. Nutzinsekten wie Honigbienen, Marienkäfer und Monarchfalter helfen unserem Ökosystem, indem sie (im Falle der Bienen und Falter) Pflanzen bestäuben oder (im Falle der Marienkäfer) schädliche Insekten fressen. Auch wenn nur ein kleiner Bruchteil – nämlich ca. 600 Arten – als Schadinsekten klassifiziert wird, können diese, wenn nichts unternommen wird, 30 bis 60 % der Ernte vernichten. Sie verursachen nicht nur katastrophale Schäden an Pflanzen, sondern können auch Krankheiten wie Malaria und Dengue-Fieber übertragen.

Die destruktivste Heuschreckenart ist die Wüstenheuschrecke. Die erwachsenen Insekten haben einen unstillbaren Appetit und können täglich eine Nahrungsmenge zu sich nehmen, die ihrem eigenen Körpergewicht entspricht. Wenn sie nicht ausschwärmen, sind sie in den Wüstenregionen von etwa 30 Ländern in Afrika, Asien und im Nahen Osten zu finden. Im Falle eines Ausbruchs können sich die Heuschrecken schnell vermehren, Schwärme bilden und große Entfernungen – über 150 km am Tag – zurücklegen. Schwärme überqueren regelmäßig das 300 km breite Rote Meer; im Jahr 1954 flog ein Schwarm sogar von Nordwestafrika bis nach Großbritannien. Im Sommer 1988 überquerten aus Nordafrika stammende Heuschreckenschwärme den Atlantik und fielen zum ersten Mal in der Geschichte in der Karibik und benachbarten Regionen in Südamerika ein.

Jeder Quadratkilometer eines Heuschreckenschwarms besteht aus 40 bis 80 Millionen Insekten; ganze Schwärme können aber auch einen Umfang von mehreren hundert Millionen Heuschrecken erreichen. Eine einzige Tonne Heuschrecken (ca. 500.000 Insekten) – also ein Bruchteil eines durchschnittlich großen Schwarmes – frisst an einem Tag etwa so viel wie 10 Elefanten, 25 Kamele oder 2.500 Menschen und vernichtet dabei mindestens 200 Tonnen Pflanzenwuchs pro Tag. Ein besonders großer Schwarm, der in Kenia einfiel, verteilte sich auf einer Fläche von 2400 km² und bestand aus 200 Milliarden Heuschrecken. Diese unersättlichen Schädlinge fraßen alle 24 Stunden fast 400.000 Tonnen Nahrungsmittel, was der täglichen Nahrungsaufnahme von 84 Millionen Menschen entspricht.