Ein paar Monate können viel wert sein

Viele Therapien brächten Krebspatienten nur drei bis sechs Monate im Schnitt, heißt es oft. Aber es können die wichtigsten Monate für eine Familie sein.

Dr. Katharina Jansen

Was sind schon ein paar Monate?

Viele Therapien brächten Krebspatienten nur drei bis sechs Monate im Schnitt, heißt es oft. Aber es können die wichtigsten Monate für eine Familie sein.

Katharina Jansen

Dr. Katharina Jansen

Wissenschafts-Pressesprecherin der Bayer AG

Vor wenigen Wochen war es mal wieder eine Schlagzeile: Angesichts explodierender Kosten im Gesundheitswesen sollen neue Krebsmedikamente nach dem Willen des Gemeinsamen Bundesausschusses, in dem Spitzenorganisationen der Kassen, Ärzte und Kliniken den Nutzen von Arzneimitteln bewerten, künftig schärfer überprüft werden. Die meisten dieser Therapien brächten den Patienten lediglich ein längeres Leben von im Schnitt drei bis sechs Monaten, hätten aber oft starke Nebenwirkungen und seien extrem teuer, sagte der Ausschussvorsitzende der Deutschen Presse-Agentur.

Diese Argumentation ist nicht neu und hat mich als Wissenschaftlerin und Ex-Forscherin bei Bayer schon immer geärgert. Zum einen sind die diskutierte Lebensdauer als auch Berichte über Nebenwirkungen natürlich Durchschnittswerte, sie fallen je nach Patient höchst unterschiedlich aus. Zum anderen: Ja, die Krebsforschung hat wirklich dicke Bretter zu bohren. Aber wer nicht bei ein paar Monaten anfängt, wird nie zu ein paar Jahren mehr oder gar zu einer vollständigen Heilung kommen.

Diesmal allerdings hat mich diese Aussage ganz besonders wütend gemacht: Mein Papa war gerade gestorben, an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Duktales Adenokarzinom des Pankreas, die Krebsart mit so ziemlich der schlechtesten Prognose überhaupt. Im Januar 2017 bekamen wir die Diagnose, fast aus heiterem Himmel. Denn bis auf ungewollten Gewichtsverlust (was die meisten Menschen eher freut) und ein wenig Rückenschmerzen (wer hat die nicht?), gab es keine Anzeichen. Und dann waren da schon Metastasen, die größte in der Leber mit 8 cm. Prognose des Chefarztes: keine OP möglich, nur palliative Chemo, drei Monate Lebenserwartung.

Wer nicht bei ein paar Monaten anfängt, wird nie zu ein paar Jahren mehr oder gar zu einer vollständigen Heilung kommen.

Eine Woche vorher hatten mein Bruder und seine Freundin beschlossen, im Mai heiraten zu wollen. Unser nächster gemeinsamer Urlaub im Familiendomizil in Spanien war bereits für März gebucht. Mein Papa war doch erst 72. Da hat man doch eigentlich noch einige Jahre. Meine kleine heile Welt brach schlagartig zusammen.

Und alles, was ich als Wissenschaftlerin und Pressesprecherin gelernt habe – gute Recherche, exzellente Netzwerke, die Einordnung von wissenschaftlichen Ergebnissen – alles brachte mich nur zu dem Schluss, dass es keine Rettung gibt. Also mussten wir uns und dem Arzt die unvermeidlichen Fragen stellen: Muss mein Bruder jetzt ganz schnell heiraten? Sollen wir überhaupt noch eine Therapie anfangen – und wenn ja, welche? Diverse, eher nicht wissenschaftliche Foren und Facebookgruppen raten ab: „Auf gar keinen Fall Chemotherapie, die macht nicht gesund und hat nur Nebenwirkungen. Und wenn sie mal hilft, dann verlängert sie das Leiden nur um ein paar Monate.“

Manchmal konnten meine Eltern die Krankheit sogar vergessen

Wir haben uns im Familienrat trotzdem für eine Chemo entschieden – und haben gewonnen. Kein Happy End. Das kann es bei dieser Diagnose nicht mehr geben. Aber wir haben einen ganzen Sommer gewonnen, zwei gemeinsame Urlaube in Spanien. Die Hochzeit meines Bruders, viele Stunden, Tage und Wochen, in denen wir gemeinsam geredet, gekocht und Rotwein getrunken haben – und mein Vater sein Leben noch wirklich genießen konnte. Von April, als er sich an die Chemo gewöhnt hatte, bis Ende Oktober, als der Tumor wegen Resistenz wieder erheblich gewachsen war, haben meine Eltern jede Minute bewusst genossen. Manchmal konnten sie die Krankheit sogar vergessen.

Ich selbst durfte einen erheblichen Teil davon miterleben. Durch die diversen Möglichkeiten bei Bayer und dank der Flexibilität meiner Chefs konnte ich meine Arbeitszeit und meinen Arbeitsort so anpassen, dass ich meine Eltern in dieser schwierigen Zeit optimal unterstützen konnte. Erst wenige Tage vor seinem Tod hat mir mein Vater noch einmal sehr deutlich gemacht, wie sehr er das geschätzt hat.

Nach dem erneuten Wachstum des Tumors gab es noch eine zweite Chemo. Mein Vater und wir haben natürlich gehofft, dass wir noch einmal so viel Glück haben wie bei der ersten. Das war leider nicht so, der Krebs war so rasant gewachsen, da kam nichts mehr gegen an. Aber uns allen bleibt dieser unvergessliche Sommer 2017. Auch wenn eine Chemo "nur" ein paar Monate bringt, können es doch die wichtigsten Monate für eine Familie sein.

Mein Dank gilt daher allen Medizinern und Chemikern, Biologen und Pharmakologen, sowie allen, die mit viel Engagement, Leidenschaft und Expertise dafür sorgen, dass solche Sommer für immer mehr Menschen möglich sind. Bei jeder Bewertung eines neuen Medikaments ist daher höchstes Fingerspitzengefühl gefragt und nicht nur ein Blick auf Durchschnittswerte, die vielleicht nicht so beeindruckend erscheinen. Jeder, der Entscheidungen über neue Krebsmedikamente trifft, sollte sich bewusst sein, dass für einen unheilbaren Patienten, vor allem aber auch für sein Umfeld, ein paar Monate extrem wertvoll sind – eine Zeit, die mit keinem Geld der Welt aufzuwiegen ist. Investitionen in moderne Krebsmedikamente sind daher ihren Preis wert. Ich persönlich hätte auch gerne noch mehr bezahlt.