Klaus Kunz

Essentiell oder nur ein Bonus? Eine Sichtweise auf Nachhaltigkeit in einer von COVID geprägten Welt

 

Seit einigen Monaten befinden wir uns nun in der COVID-19-Krise und beginnen allmählich zu verstehen, wie unsere neue Normalität aussieht. Auf einmal stellen wir in Frage, wie wir arbeiten und zusammenarbeiten, wie wir Fortschritt und Erfolg messen und was wir für essentiell oder entscheidend halten.

Als jemand, der in einem großen Unternehmen für Nachhaltigkeit zuständig ist, beschäftigte mich in den vergangenen Wochen vor allem die letzte Frage. Wenn wir die Coronavirus Krise überstanden haben, werden wir dann Nachhaltigkeit nur noch als Bonus empfinden, weniger wichtig als unser Kerngeschäft? Oder werden wir unseren Beitrag zur Nachhaltigkeit als entscheidend für zukünftigen Erfolg betrachten? In diesem Jahr feiern wir zum 50. Mal den Tag der Erde. Daher scheint diese Frage jetzt wichtiger zu sein als jemals zuvor.

COVID-19 hat uns einige fundamentale Dinge vor Augen geführt, auch in Bezug zur Nachhaltigkeit. Wir konnten uns kaum vorstellen, dass unser System derart fragil ist, wie gering die Belastbarkeit unter einer derartigen Stresssituation ist. Wir haben vorher auch nie wirklich gespürt, dass es ein Limit für die Ressourcen gibt, die wir jeden Tag einsetzen müssen, um unseren gewohnten Lebensstandard zu erreichen. Zentrale Fragen von Nachhaltigkeit.

Wir wissen vielleicht nicht, wann und wo uns die nächste Krise trifft, aber wir wissen, dass sie kommen wird. Nachhaltigkeit beschreibt im Grunde die Resilienz, also die Widerstandskraft eines Systems – von Wirtschaft, Umwelt und Gesellschaft. Es geht für uns also darum, heute alles zu tun, damit wir auch morgen erfolgreich sein können und dass es uns allen auch morgen gut geht. Schauen wir uns einmal einige Bereiche an, in denen COVID-19 unsere Resilienz auf den Prüfstand gestellt hat.

Werner Baumann

Klaus Kunz

Leiter Sustainability & Business Stewardship bei der Bayer-Division Crop Science

Globale Vernetzung

Ein Virus kennt keine Grenzen, es verbreitet sich willkürlich. Selbst wenn es auf einen bestimmten Bereich eingegrenzt werden kann, sind die Auswirkungen auch anderswo spürbar. Dasselbe gilt für die Emission von Treibhausgasen, die in einer Region zu Klimaveränderungen wie Dürren führen, dadurch aber möglicherweise in anderen Teilen der Erde die Versorgung gefährden. Mangelnde Ernährungssicherheit kann zu Unruhen und sogar zu Konflikten führen, deren geopolitische Auswirkungen weltweit spürbar sind.

Um Probleme in fernen Ländern können wir keine Mauern bauen. Resilienz und Nachhaltigkeit in einem globalen Ökosystem gibt es nur, wenn Entscheidungen getroffen werden, die Menschen und Umwelt über alle Regionen hinweg berücksichtigen. Schließlich sind wir alle von denselben Ressourcen abhängig.

Wir sind nur so stark wie die Schwächsten unter uns

In unserer immer stärker vernetzten Welt lernen wir durch COVID-19 auch, dass wir als Gesellschaft nur so stark sind wie das schwächste Glied. Eine Region mit der besten Organisation, den besten Testkapazitäten und ausreichend Platz in den Krankenhäusern kann das Virus nur in dem Maße bekämpfen, wie es andere Regionen mit weniger Kapazitäten und Maßnahmen erlauben, wenn sie sich nicht völlig abschotten will.

Das zeigt sich vielleicht am deutlichsten bei Kleinbauern in Ländern mit geringem und mittlerem Einkommensniveau. In den Entwicklungsländern Asiens und Subsahara-Afrikas produzieren Kleinbauern 80 % der Nahrungsmittel und sind daher für einen erheblichen Anteil der globalen Lebensmittelproduktion verantwortlich. Dennoch sind sie häufig am wehrlosesten und am schlechtesten ausgerüstet, um den Auswirkungen des Klimawandels oder, wie wir jetzt wissen, globalen Pandemien zu begegnen. Wenn die Kleinbauern um ihr wirtschaftliches Überleben zu kämpfen haben, können die Auswirkungen auf die Gemeinden und Regionen vor Ort verheerend sein, was auch global zu messbaren Effekten führt.

Die COVID-Pandemie lehrt uns, dass wir in die schwächsten Gebiete investieren müssen, um Resilienz für zukünftige Krisen aufzubauen. Wenn wir den Kleinbauern dabei helfen, werden wir den Unterschied nicht nur beim Zugang zu Lebensmitteln und gesunder Ernährung sehen. Das Bildungsniveau steigt, Unternehmen und Gemeinden entwickeln sich, die Armut geht zurück. Und Länder mit geringem oder mittlerem Einkommensniveau werden zu aktiveren Teilnehmern an der globalen Wirtschaft. Das kommt uns allen zu Gute und bereitet uns besser auf unvorhersehbare Herausforderungen in der Zukunft vor.

Die Wissenschaft gibt die Richtung vor

Bis die COVID-Pandemie Geschichte ist, wird es vermutlich noch sehr lange dauern. Wenn es dann soweit ist, wird die Wissenschaft in dieser Geschichte vermutlich eine große Rolle gespielt haben. Es waren Wissenschaftler, die uns als Erste auf das Risiko aufmerksam machten. Es waren Wissenschaftler, die uns gezeigt haben, mit welchen Schritten wir uns schützen können, und es werden Wissenschaftler sein, die einen Impfstoff gegen das Virus entwickeln. Wir haben ihnen schon lange nicht mehr so viel und gut zugehört, wie in den letzten Wochen.

Wissenschaftler warnen uns immer wieder davor, dass unser Planet an seine Grenzen stoßen wird. Sie zeigen uns, dass wir in wichtigen Bereichen wie beim Klimawandel und beim Schwund der Artenvielfalt die Grenzen zu einem Ausmaß bereits überschritten haben, das Menschenleben und Existenzen gefährden kann. Genauso wichtig wie es war, die frühen Warnungen von Wissenschaftlern vor COVID-19 zu beherzigen, genauso wichtig wird es auch sein, ihre Warnungen vor dem Klimawandel ernst zu nehmen.

Nachhaltigkeit im Kern verankern

Es ist wichtig, nachhaltige Ansätze jetzt zur Basis für wirtschaftliche Entwicklung und Wachstum zu machen. Das ist allerdings leichter gesagt als getan. Für Unternehmen wie Bayer braucht es mutige und konkrete Ziele, die Entscheidungen in Forschung und Entwicklung, im Geschäft und sogar beim Geschäftsmodell leiten. Für uns im Agrarbereich bedeutet das, Landwirten mit neuen Modellen einen Mehrwert zu bieten, ihnen Anreize zu schaffen, mehr auf nachhaltigere Anbaumethoden zu setzen. Das bedeutet auch, dass wir mit einer langfristigen Vision zur Gestaltung unserer Forschungs- und Entwicklungspipeline beitragen müssen. Mit dem ersten „Tag der Erde“ vor 50 Jahren begann ein Bewusstsein dafür zu reifen, dass unsere natürlichen Ressourcen wichtig und schützenswert sind.

Während sich die Welt nun zu Recht darauf konzentriert, die akute gesundheitliche Bedrohung durch COVID-19 in Angriff zu nehmen, werden die Herausforderungen, die mit dem rasanten Wachstum der Weltbevölkerung immer größer werden, nicht verschwinden. Wir müssen den Ratschlägen der Wissenschaft Taten folgen lassen und nachhaltige Entwicklung als essentiell einstufen.