Helmut Schramm

CRISPR/Cas & Co. nicht kaputt­regulieren!

Einige Unternehmen des Lebensmitteleinzelhandels aus Deutschland und Österreich haben die EU-Kommission in einem offenen Brief aufgefordert, neue Züchtungsmethoden wie CRISPR/Cas pauschal als Gentechnik einzustufen und sie entsprechend zu regulieren. Damit wäre die Weiterentwicklung dieser vielversprechenden innovativen Methoden in Europa praktisch unmöglich. Mit einem Federstrich würde ein ganzer Forschungszweig außer Landes getrieben.

Helmut Schramm

Helmut Schramm

Geschäftsführer Bayer Crop Science Deutschland

Als Begründung führen Gentechnik-Gegner an, dass Konsumenten keine Gentechnik wollen – was Umfragen in der Tat immer wieder bestätigen. Nicht hinterfragt wird zunächst, worauf diese Ablehnung eigentlich beruht. Sie ist nämlich mitnichten auf Gefahren oder gar schlechte Erfahrungen mit der Grünen Gentechnik zurückzuführen, sondern ausschließlich auf die inzwischen Jahrzehnte andauernde Angstmache von Aktivisten.

Selbst der Appell von 129 Nobelpreisträgern an Greenpeace & Co., sich der Grünen Gentechnik gegenüber endlich aufgeschlossen zu zeigen und ihre Chancen insbesondere für Entwicklungsländer anzuerkennen, vermag die grundsätzliche und ideologische Ablehnung nicht zu brechen.

Mit einem Federstrich würde ein ganzer Forschungszweig außer Landes getrieben.

Noch wichtiger ist allerdings: Voraussichtlich Ende Juli wird der Europäische Gerichtshof (EUGh) darüber entscheiden, ob neue Züchtungsmethoden wie CRISPR/Cas überhaupt unter die strenge Gentechnik-Regulierung fallen sollen. Deshalb machen gerade jetzt unterschiedlichste Anti-Gentechnik-Gruppen mobil. Leider, wie erwähnt, auch mit Unterstützung verschiedener deutscher Einzelhändler.

Dabei würde eine Regulierung der neuen Züchtungsmethoden unter den strengen Gentechnik-Gesetzen gerade denjenigen schaden, die viele Aktivisten immer vorgeben, schützen zu wollen: nämlich mittelständischen Saatgutunternehmen und kleinen, mit geringen Budgets ausgestatteten Forschungseinrichtungen. Für sie würde es schlichtweg unmöglich, mit den modernen Methoden zu arbeiten und ihre Produkte auf den Markt zu bringen.

Ohne die fatale Einstufung als Gentechnik könnten mit den neuen Methoden auch lokale Sorten verbessert werden, was Landwirten in Europa ebenso wie Kleinbauern in Entwicklungsländern helfen würde. Der Wettbewerb in der Branche würde zunehmen. Etwas Besseres könnte Landwirten und Verbrauchern gar nicht passieren. Diese Einsicht scheint sich inzwischen sogar bei prominenten Vertretern der Grünen durchzusetzen. Sie erkennen nämlich an, dass die neuen Züchtungsmethoden helfen können, die moderne Landwirtschaft produktiver und zugleich ökologischer zu gestalten.

Die Präzision des Verfahrens macht es besonders sicher

Warum also sollte man die neuen Methoden in einen Topf werfen mit der traditionellen Gentechnik? Das einzige Argument ist: Beides hat etwas mit Genen zu tun. Bei der Gentechnik allerdings geht es hauptsächlich darum, artfremde Gene in das Genom einer Pflanze einzubringen. Wohlgemerkt: Auch bei dieser Technik haben mehr als zwanzig Jahre Forschung, tausende Studien und der Anbau auf zuletzt etwa 1,9 Millionen Quadratkilometern keinen einzigen Nachweis erbracht, dass daran irgendetwas ungesund oder gefährlich sein könnte. Bei den neuen Züchtungsmethoden liegt der Fokus darauf, bereits vorhandene Gene in der DNA mit einer nie zuvor gekannten Genauigkeit ein- oder auszuschalten, ohne dass artfremde Gene eingebracht werden. Die Präzision des Verfahrens macht es hierbei besonders sicher. Ergebnisse sind im Vergleich zu den traditionellen Züchtungsverfahren schneller und ohne unerwünschte Effekte zu erzielen. Neue Sorten mit wertbestimmenden Eigenschaften werden so schneller verfügbar.

Hinzu kommt: Ob eine Pflanze auf traditionelle Weise oder mithilfe von CRISPR/Cas & Co. gezüchtet wurde, lässt sich nicht unterscheiden. Die Natur selbst kann über die Jahre zu einem identischen Ergebnis kommen. Unter anderem deshalb wäre es schlichtweg falsch, die neuen Züchtungstechnologien mit Gentechnik gleichzusetzen. Entscheidend ist vielmehr, wie sich eine Pflanze im Anbau auf Ökologie und Landwirtschaft auswirkt.

Auch die Anwendung in der Medizin ist vielversprechend

Natürlich ist auch CRISPR/Cas kein Allheilmittel. Und dennoch ist diese Technologie zur Lösung drängender Probleme elementar wichtig. Auf diesem Weg können Agrarexperten zum Beispiel Pflanzen züchten, die ertragreicher und weniger anfällig für Krankheiten und Schädlinge sind. So kann der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln noch zielgerichteter erfolgen und folgerichtig auch verringert werden. Landwirte könnten auf diesem Weg zukünftig Pflanzen mit einem höheren Gehalt an wertvollen Nährstoffen und gleichzeitig geringerem Allergierisiko anbauen. Auch die Anwendung in der Medizin ist vielversprechend. Mit Hilfe von CRISPR/Cas könnten in Zukunft Erbkrankheiten geheilt werden, die heute noch als unheilbar gelten.

Gerade auch vor dem Hintergrund weltweiter Klimaveränderungen kann CRISPR/Cas helfen, Ernten auf der ganzen Welt zu sichern und zugleich den notwendigen Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft voranzutreiben: weg von der ausschließlichen Konzentration auf die Steigerung des Ertrags, hin zu mehr Nachhaltigkeit. Ohne moderne Technologien ist das schlichtweg unmöglich. Natürlich müssen sie wissenschaftlich evaluiert, auf mögliche Risiken bewertet und gesellschaftlich diskutiert werden. Aber wenn Innovationen dann einen großen Beitrag zur Lösung von drängenden Problemen leisten können, wäre es unverantwortlich, sie nicht einzusetzen.