"Die Natur hat das letzte Wort"

Bernd Olligs ist Landwirt in sechster Generation. Mit seiner Familie bewirtschaftet er den Damianshof am Niederrhein. Er sagt: Ein Landwirt will immer nachhaltig arbeiten. Er sagt auch: Die meisten Menschen wissen gar nicht, wie Landwirtschaft funktioniert. Hier erzählt er seine Geschichte.

Landwirt zu sein, das bedeutet für mich, Verantwortung zu tragen. Ich will erhalten. Nicht nur für meine Familie, die ich durch meine Arbeit ernähre. Sondern für die Generationen, die nach mir kommen. Meine größte Angst als Landwirt ist es, dass meine Enkel eines Tages sagen: „Mensch, Opa hat das aber schlecht gemacht“. Das geht nicht. Die meisten Landwirte, die ich kenne, denken so. Die denken an die nächste, an die übernächste Generation, die denken weiter.

Es geht nicht nur um uns. Es geht um das Wohl der Allgemeinheit. Was wir geerbt haben, ist nicht dafür da, es zu verleben. Es ist die Aufgabe, es aufrecht zu erhalten, zu pflegen und zu mehren.

Seit 1845 bewirtschaftet meine Familie den Damianshof in Deelen, einem Dorf, das zur Gemeinde Rommerskirchen gehört. Wir bewirtschaften etwa 115 Hektar Land. Zuckerrüben, Kartoffeln, Winterweizen, Raps und Wintergerste. Tiere halten wir schon lange nicht mehr. Unser Boden ist tiefgründige Parabraunerde mit einer zehn bis zwanzig Meter hohen Lößauflage, falls das ein Fachmann genau wissen möchte.

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Der Damianshof steht dort, wo das Rheinland ins Niederrheinische übergeht. Die Masten im Dorf sind mit Fahnen des 1.FC Köln, von Fortuna Düsseldorf und Borussia Mönchengladbach beflaggt.

Ich liebe meinen Beruf aus vielen Gründen. Es gibt keinen schöneren. Ich bin gerne draußen. Ich mag die Abwechslung. Immer gibt es etwas anderes zu tun. Kein Tag ist wie der andere.

Im Leben meiner Familie dreht sich alles um den Hof. Mein Vater Urban, Jahrgang 1933, mein älterer Bruder und ich, wir haben immer etwas zu diskutieren. Zwischen den Generationen gibt es manchmal unterschiedliche Ansichten. Als meine Oma 80 wurde, saßen wir in ihrem Wohnzimmer, als eine Debatte über irgendein Problem in den Rüben losging. Landwirtschaft lässt sich manchmal mit Segeln vergleichen: Alle wollen ans Ziel kommen, doch der eine kreuzt nach links, wenn der andere rechts für einen besseren Weg hält. Oma sagte dann: „Jetzt lasst die Jungen doch mal machen! Die können das.“ Dann aßen wir Torte.

Landwirtschaft ist in unserem Dorf immer schon wichtig gewesen. Die Leute fahren mit dem Fahrrad rum und schauen, was auf den Äckern los ist. Wurde ordentlich gepflügt oder sauber gegrubbert? Wer ist auf welchem Stand? Kirche, Fußball, Landwirtschaft, das sind Themen bei uns. Meine ersten Erinnerungen an die Landarbeit gehen zurück, als ich sechs oder sieben Jahr alt war. Rüben hacken, per Hand. Ich habe es geliebt. Fünf bis sechs Leute in einer Reihe, und es kam darauf an, es gemeinschaftlich zu tun, damit die Linie grade blieb. Jeder musste im Tritt bleiben.

Die Tage damals liefen nach einem immer gleichen Rhythmus, der sich nach dem Tageslicht und dem Wetter richtete. Frühstück und Mittag haben wir zusammen gegessen, immer um 12 Uhr. An einen echten Urlaub kann ich mich nicht erinnern, das geht vielen Bauernfamilien so. Dafür aber daran, als ich zum ersten Mal auf dem Trecker saß. Da muss ich zehn gewesen sein.

Wenn ich mit Vattern rede, wie es zu seiner Zeit war, muss ich sagen: noch härter. Der Hof ist den Vorbesitzern Anfang des 19. Jahrhunderts mindestens zwei Mal abgesoffen. Dann hat man ihn aus der Senke abgebaut und einige hundert Meter versetzt, wo er heute noch steht. Wie die Menschen damals mit Pflügen das Land bearbeiteten, ist aus heutiger Sicht kaum vorstellbar. Das würde heute keiner mehr körperlich aushalten.

Es sind andere Zeiten heute. Wir haben eine viel größere Maschinerie, die wir bedienen. Moderne Maschinen haben die Arbeit übernommen. Das meiste regle ich heute ganz alleine. Wir haben Pflanzenschutzmittel, die uns helfen. Wir brauchen diese Hilfsmittel auch dringend. Der Klimawandel, über den so viel debattiert wird, ist für uns Landwirte längst Realität. Ich kann das anhand der Wetteraufzeichnungen zeigen, die ich von meiner Mutter übernommen habe. Von 1970 bis 1990 gab es keinen Tag, an dem sie mehr als 20 Liter Regen maß. In den vergangenen Jahren gab es Tage, an denen sie 60-70 Liter notierte. Und dann gibt es die Extreme: Im Mai 2016 zum Beispiel maßen wir 250 Liter auf dem Quadratmeter. Es hörte überhaupt nicht mehr auf zu regnen. Als Kontrast dazu erlebten wir dann den heißen und extrem trockenen Sommer 2018, dem eine Dürre folgte.

Ich habe in dieser Zeit in keiner Nacht ruhig geschlafen. Es war Stress für uns alle, auch für meine Familie. Ich war kaum ansprechbar. Ohne das technische Gerät und die chemischen Hilfsmittel, die uns heute zur Verfügung stehen, hätten wir nichts mehr gehabt. Das wäre ein kompletter Ernteausfall gewesen. Nichts wäre übrig geblieben. In früheren Zeiten wäre eine Hungersnot die Folge gewesen. Pflanzenschutzmittel helfen uns Landwirten, die Ernte zu schützen.