• Das nötige
    Fingerspitzengefühl

    Etwa jede achte Frau erkrankt in ihrem Leben an Brustkrebs. Eine frühzeitige Diagnose kann lebensrettend sein.

Zentimeter für Zentimeter untersucht Filiz Demir die Brüste ihrer Patientinnen auf Unebenheiten. Gemeinsam mit anderen blinden und sehbehinderten Frauen arbeitet sie in der Brustkrebsfrüherkennung als Medizinische Tastuntersucherin. Die Bayer Cares Foundation unterstützt das erfolgreiche Projekt der Organisation „Discovering Hands“ – und hilft dabei, es auf Südamerika und Indien zu übertragen.

Filiz Demir achtet auf ihre Hände. Man kann das sehen. Blass und zart liegen sie in ihrem Schoß wie zwei kleine Tiere. Diese Hände sind Filiz Demirs wichtigstes Arbeitsgerät. Es sind ihre Augen. Ganz besondere Augen: Mit ihnen kann sie Dinge sehen, die anderen Menschen verborgen bleiben. „Meine Krankheit hat mich gelehrt, mir meine Umwelt zu ertasten“, sagt sie. „Ich nutze meine Hände wie Fühler.“

Filiz Demir ist blind. Und für ihren Job ist das kein Handicap – es ist eine Stärke: Die 40-Jährige arbeitet als Medizinische Tastuntersucherin (MTU) in einer gynäkologischen Praxis in Duisburg, Deutschland. Jeden Tag untersucht sie die Brüste von Patientinnen auf verdächtige Knoten oder Verhärtungen. Ihr außergewöhnlicher Tastsinn hilft ihr dabei. „Ich erspüre selbst kleinste Unregelmäßigkeiten im Gewebe“, erzählt sie. „Als ich noch sehen konnte, war mein Tastsinn deutlich schwächer ausgeprägt.“ Nachdem sie vor einigen Jahren den Rest ihrer ohnehin schwachen Sehkraft verlor, schärften sich ihre anderen Sinne. „Als ich  auf die Qualifizierung zur medizinischen Tastuntersucherin aufmerksam wurde, meldete ich mich sofort für einen Lehrgang an.“

Dr. Frank Hoffmann

Eine professionelle Tastuntersuchung erhöht deutlich die Chance, Brustkrebs schon im Frühstadium zu erkennen.

Dr. Frank Hoffmann, Gynäkologe

Der Job von Filiz Demir ist ein ganz neues Berufsbild. Ihr Chef Dr. Frank Hoffmann hat die Qualifizierung für blinde und sehbehinderte Frauen erst vor wenigen Jahren entwickelt. Der Gynäkologe hielt die Tastuntersuchungen in seiner Praxis für unzureichend und suchte nach einer Lösung für dieses Problem. „Für eine wirklich gute Vorsorgeuntersuchung fehlt mir einfach das nötige Gespür in den Fingern“, erzählt er. „Außerdem ist der Praxisalltag viel zu stressig, um dabei sorgfältig vorzugehen.“

Ein Problem, das viele Gynäkologen weltweit kennen und im Einzelfall fatale Folgen haben kann. Je früher Brustkrebs erkannt wird, desto besser sind die Behandlungsmöglichkeiten. „Eine frühzeitige Diagnose kann lebensrettend sein“, erklärt Hoffmann. „Und eine professionelle Tastuntersuchung erhöht die Chance, Brustkrebs schon im Frühstadium zu erkennen.“ Mit der Idee, blinde und sehbehinderte Frauen mit ihrem ausgeprägten Tastsinn als Untersucherinnen in der Brustkrebsvorsorge einzusetzen, zögerte er nicht lang. Er gründete die gemeinnützige Organisation „Discovering Hands“ und entwarf eine systematische Untersuchungsmethode sowie eine neunmonatige Ausbildung – mit Erfolg: Schnell meldeten sich die ersten Frauen an.

600.000 €

beträgt die Unterstützung der Bayer Cares Foundation für ein geplantes MTU-Zentrum in Indien

Für jede Frau nimmt sich Filiz Demir rund eine Stunde Zeit.

Nachdem die Organisation bereits mehr als 20 MTUs für Praxen und Kliniken in ganz Deutschland ausgebildet hat, will sie das System jetzt auf Südamerika und Indien übertragen. Unterstützt wird sie dabei von der Bayer Cares Foundation, die schon seit 2014 mit „Discovering Hands“ zusammenarbeitet. „An diesem Projekt ist besonders schön, dass es aus einer Behinderung eine Begabung macht und Menschen damit ganz neue Möglichkeiten eröffnet“, sagt Stiftungsvorstand Thimo V. Schmitt-Lord. „Außerdem schließt es eine Lücke an der Schnittstelle zum Gesundheitssystem – und genau solche Ideen fördern wir.“ Deshalb unterstützt die Bayer Cares Foundation in den kommenden drei Jahren auch ein geplantes MTU-Zentrum in Indien mit insgesamt 600.000 Euro.

Die ersten Kolumbianerinnen haben Hoffmanns Tastschema zur Brustkrebsfrüherkennung vor einigen Monaten im Dürener Berufsförderungswerk, Deutschland, kennengelernt. Die drei Frauen bilden nun in ihrer Heimat blinde Kolumbianerinnen aus. Finanziert hat die Ausbildung die Kolumbianische Entwicklungsbank. Sie will das Pilotprojekt bei Erfolg auch auf andere südamerikanische Länder übertragen.

Claudia Ruiz ist eine der Kolumbianerinnen. Die 32-Jährige bildet in Südamerika blinde Frauen zu Tastuntersucherinnen aus. In Düren hat sie dafür wochenlang an einem Plastik-Dummy geübt. Denn für das Tastschema gibt es genaue Vorgaben. Nur so lässt sich jeder Zentimeter im Brustbereich von einer Achselhöhle zur anderen abtasten. Als Orientierungshilfe dienen den Frauen dabei Klebestreifen mit Blindenschriftsymbolen. „Die Untersuchung ist gar nicht so einfach, denn man muss alle Gewebeschichten erfassen und deshalb immer unterschiedlich fest zudrücken“, erklärt Claudia Ruiz.

Training am Plastik-Dummy in Düren, Deutschland

Bei Filiz Demir krabbeln die Finger wie flinke Insekten über die Brüste der Patienten. Sorgfältig drückt sie auf jeden Zentimeter Haut. „Ich muss mich bei der Arbeit sehr konzentrieren, damit mir nichts entgeht.“ Mehr als fünf Patientinnen pro Tag schafft sie deshalb nicht. Für jede Frau nimmt sie sich rund eine Stunde Zeit. Für Hoffmann wäre eine solch intensive Betreuung unvorstellbar: „Das kann kein Gynäkologe leisten.“ Kein Wunder, dass Filiz Demir ständig ausgebucht ist.