Das Für und Wider des Genome Editing

Bislang war die Vorstellung, die Gene einer Person zu verändern und dabei bestimmte physische Attribute hinzuzufügen oder zu entfernen, mehr im Science-Fiction-Bereich als in der echten Wissenschaft angesiedelt. Doch das könnte sich nun ändern: Wissenschaftler erforschen bereits die Möglichkeit, krankheitsverursachende Gene zu editieren. Dies könnte bei menschlichen Embryonen durchgeführt werden, um genetische Mutationen zu beseitigen, die Krankheiten verursachen. Aber selbst wenn das möglich ist, bleibt die Frage: Sollten wir es tun?

Es gibt zwei verschiedene Arten von Genom-Editierung: somatische Anwendungen und die Manipulation der menschlichen Keimbahn. Der Unterschied zwischen diesen beiden Forschungsfeldern ist gravierend. Unsere Körper sind größtenteils aus somatischen Zellen aufgebaut. Sie befinden sich in Haut, Haaren, Blut und Organen. Verändert man somatische Zellen, hat das nur Auswirkungen auf den Körper dieser einen Person – ihre Eigenschaften werden nicht vererbt. Keimbahnzellen dagegen sind reproduktiv, aus ihnen können Embryonen entstehen. Das bedeutet, dass Manipulationen an ihnen vom Elternteil auf das Kind weitergegeben werden – und damit Auswirkungen auf alle zukünftigen Generationen haben.

Genom-Editierung der menschlichen Keimbahn (engl.: germline genome editing oder GGE) ist eins der umstrittensten Themen der modernen Medizin. Dies sind die Hauptargumente für oder gegen ihre Anwendung.

So verändert man ein menschliches Gen

FÜNF ARGUMENTE FÜR DIE GENOM-EDITIERUNG DER KEIMBAHNZELLEN

Zeitnahe Verfügbarkeit

Mithilfe von GGE könnten einige genetisch bedingte Krankheiten behandelt werden, bei denen die herkömmliche Medizin aktuell noch versagt. Dazu zählen Alzheimer, Muskelschwund (MS) und Mukoviszidose. Die Entwicklung von Medikamenten könnte noch Jahrzehnte dauern, während Genom-Editierung schon sehr bald Anwendung finden könnte. Damit stünde in absehbarer Zeit eine Technologie zur Verfügung, die die krankheitsverursachende Genmutation identifizieren und entfernen kann.

Nachhaltigkeit

GGE könnte Millionen von Menschen und ihre Nachkommen von einigen ernsten Krankheiten befreien – und das vollständig und dauerhaft. Erbkrankheiten, wie Chorea Huntington oder das Tay-Sachs-Syndrom, könnten nicht nur aus der Familienlinie, sondern aus der kompletten Menschheit getilgt werden. Damit wären einige der schlimmsten Leiden, die Menschen befallen können, Geschichte.

Vorschriften

Wie alle anderen Felder der Medizin wird auch GGE strengen Richtlinien und Vorschriften unterliegen. Die Sicherheit der Patienten hat höchste Priorität und der potenzielle Nutzen der Behandlung muss nachweislich das potentielle Risiko übersteigen. Fast alle Wissenschaftler, die sich für GGE aussprechen, sind sich einig, dass noch viel mehr Forschung betrieben und Tests durchgeführt werden müssen, bevor die Methode als sicher und wirksam eingestuft werden kann.

Fortschritt

GGE ist der nächste Quantensprung in den Bemühungen der Medizin, einigen der Probleme des Lebens Herr zu werden. Wir haben bereits gelernt, Impfungen gegen Krankheiten zu nutzen, Bakterien mit Antibiotika abzutöten, antivirale Medikamente gegen Viren zu entwickeln und Krebszellen mit Strahlung zu zerstören. GGE packt die Krankheit an der Wurzel, indem sie die Mutation entfernt oder ersetzt, die das Leiden hervorruft. Im Prinzip wird dadurch ein Fehler der Natur korrigiert.

Sicherheit

Bei Schwangerschaften könnte GGE den Eltern die Sicherheit geben, ein gesünderes Kind zu bekommen, indem das Risiko einiger genetisch bedingter Erkrankungen ausgeschlossen wird. Dies wäre noch eine Erweiterung der allumfassenden Kontrolle, die Eltern in den USA bereits heute über die Gene ihrer Kinder ausüben können. Dort greifen pränatale Untersuchungen und Präimplantationsdiagnostik schon viel weiter ein als beispielsweise in Deutschland. GGE würde Menschen außerdem die Sicherheit geben, dass sie nicht unter einer Krankheit leiden werden, die ihre Gene sonst mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgelöst hätten. Mit dieser Sicherheit kann das Leben einen völlig anderen Verlauf nehmen.

FÜNF ARGUMENTE GEGEN DIE GENOM-EDITIERUNG DER KEIMBAHNZELLEN

Einverständnis

Ein wesentlicher Bestandteil jeder medizinischen Behandlung ist die informierte Einwilligung. Diese gewährleistet, dass der Patient die Risiken einer Anwendung in vollem Umfang kennt. GGE ist so neu, komplex und unsicher, dass zum jetzigen Zeitpunkt niemand Patienten angemessen über die Risiken für sie oder nachkommende Generationen aufklären kann. Das wirft die tiefgreifende Frage auf, ob wir überhaupt das Recht haben, das menschliche Genom ohne Zustimmung aller Menschen auf der Welt absichtlich, dauerhaft und unumkehrbar zu verändern.

Unsicherheit

Das menschliche Genom ist ein extrem komplexes System, das wir nicht in seiner Gänze verstehen. Daher können wir auch nicht mit absoluter Sicherheit sagen, welche Auswirkung die Veränderung eines Gens haben wird. Manchmal arbeiten mehrere Gene zusammen, um eine Aufgabe zu erfüllen und es ist möglich, dass eine einzige Veränderung eine Vielzahl anderer Gene beeinträchtigt. Außerdem kann niemand die Präzision der zielgerichteten Editierung garantieren, weswegen immer ein Restrisiko bleibt, unbeabsichtigte Änderungen vorzunehmen, deren Konsequenzen nicht abschätzbar sind.

Nachhaltigkeit

Ist einmal eine Änderung in einer Keimbahnzelle vorgenommen worden, kann diese nicht mehr rückgängig gemacht werden. Die Editierung wird unaufhaltsam vom Elternteil an das Kind weitergegeben. Über Generationen breitet sie sich so zwischen Familien, Gemeinden und Ländern aus und wird für immer zum Teil der Menschheit. Die weitreichenden Auswirkungen einer genetischen Modifikation könnten über Jahre, Jahrzehnte oder sogar Generationen unbemerkt bleiben und die dauerhafte Veränderung des menschlichen Genoms ist damit ein viel zu großes Risiko.

Eugenik

Ist der Anfang erst einmal gemacht, wo wird dann die Grenze bei der Editierung von Genen gezogen? Theoretisch könnte GGE für die Optimierung sogenannter Designer-Babys genutzt werden, indem man die Gene manipuliert, die für Augenfarbe, Größe, Sportlichkeit und Gedächtnisleistung verantwortlich sind. Eltern könnten unter Druck geraten, für die Optimierung ihrer Kinder zu bezahlen. Das würde wesentliche gesellschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen, bis hin zur Frage, was den Menschen eigentlich zum Menschen macht.

Soziales

Die hohen Kosten der Genom-Editierung spalten die Gesellschaft und die globale Gemeinschaft in Bezug auf Gesundheitsversorgung und Humanität. Reichere Familien und Nationen könnten Fehler entfernen lassen; für einige gesellschaftliche Gruppen und sogar ganze Völker in Entwicklungsstaaten wäre dies jedoch unerschwinglich. Daraus resultiert die Einteilung der Menschen in Schichten, was sich auf die Behandlung von Krankheiten auswirken könnte. Der Fokus würde wahrscheinlich auf den Erkrankungen in den Industriestaaten liegen, was die Kluft zu den Entwicklungsländern weiter vergrößert.


Insgesamt ergeben das Pro und Contra der Genom-Editierung eine recht ausgewogene Argumentation. Die Wissenschaft wird auch in Zukunft weiterhin die Auswirkungen ergründen, die Eingriffe in das menschliche Genom nach sich ziehen können. Die Zeit wird also zeigen, in welchem Umfang wir in Zukunft Gebrauch von der Genom-Editierung machen sollten.