• Damit der Saft nicht ausgeht

    Citrus Greening: Orangenbauern wie Dave Evans aus Florida fürchten um ihre Existenz.

Frisch gepresster Orangensaft. Der Vitamin-C-Kick am Morgen gehört für viele Menschen zum Frühstück. Doch das könnte sich ändern: Citrus Greening, eine unheilbare Baumkrankheit, vernichtet weltweit ganze Orangenplantagen. Übeltäter ist ein Blattfloh, die kleine asiatische Zitrus-Psyllide.

Der Duft der Orangenbäume im Frühling begleitet Dave Evans, seit er denken kann. Er flutete frühmorgens sein Kinderzimmer, sobald seine Mutter das Fenster öffnete – dann das Klassenzimmer. Und er süßte bei seinem ersten Date die laue Abendluft. Orangen sind Dave Evans Leben. Bis heute riecht er sie, wenn er sich auf den Weg zu seiner Plantage macht. „Aber ich weiß nicht, ob das in einigen Jahren noch so sein wird“, sagt er.

Nach mehr als 100 Jahren ist der Familienbetrieb ernsthaft bedroht – und nicht nur die Plantage von Evans. Viele Orangebauern rund um den Globus fürchten um ihre Existenz. Ursache ist die unheilbare Baumkrankheit Citrus Greening, die weltweit grassiert. Ein Bakterium behindert dabei den Nährstofftransport des Baumes von den Wurzeln bis in die Krone. Die Blätter werden gelb, die Orangen bleiben grün und nach drei bis fünf Jahren stirbt der Baum.

Überträger ist die asiatische Zitrus-Psyllide. Die winzigen Blattflöhe saugen die Pflanzensäfte eines infizierten Baums und nehmen dabei das Bakterium auf. So geben sie die Krankheit an den nächsten Baum weiter. Da sich die Psylliden sehr schnell vermehren, können sie in einem Jahr bis zu 30 Generationen hervorbringen. Und eine einzige überlebende Psyllide kann eine ganze Plantage neu infizieren.

So überträgt die infizierte Zitrus-Psyllide Citrus Greening.

In Florida sind längst nahezu alle Plantagen von Citrus Greening betroffen. Dabei ist es gerade einmal rund elf Jahre her, dass die Krankheit erstmals in Florida auftrat. „Damals produzierten wir hier noch 240 Millionen Kisten mit je 40 Kilogramm pro Jahr“, erzählt Evans. „Jetzt sind wir bei weniger als 100 Millionen Kisten angelangt – und ein Ende der Abwärtsspirale ist nicht absehbar.”

Im Kampf gegen den Überträger versagte bisher jede Strategie. Deshalb startete Bayer eine konzentrierte Aktion, bei der das Unternehmen weltweit mit Erzeugerverbänden, Forschungsinstituten und der Getränkeindustrie zusammenarbeitet. So konnte Bayer ein neues Insektizid entwickeln, das im Frühjahr 2015 in Florida auf den Markt kam: Sivanto prime.

Corinna Groß

An dem Produkt hat mich der ,Knock-down'-Effekt überzeugt.

Vic Story, Orangenanbauer aus Florida

Das Mittel könnte die Rettung für betroffene Orangenanbauer sein. Denn die ersten Erfahrungen der Landwirte mit dem Insektizid sind äußerst positiv. So auch die von Vic Story, einem alteingesessenen Orangenbauern aus Dave Evans Nachbarschaft: „An dem Produkt hat mich die schnelle Wirkung überzeugt: Die Psyllide hört sofort auf zu saugen und kann keine neuen Bäume mehr infizieren“, erzählt der 70-Jährige. „Außerdem wird das Mittel von der Pflanze aufgenommen und wirkt daher bis zu dreimal so lang wie ein Insektizid, das nur auf den Blättern haftet. Dabei schont es bei vorschriftsgemäßer Anwendung Bienen und viele natürliche Feinde der Psylliden.“

Nach den ersten Erfolgen im Kampf gegen die Krankheit in Florida möchte Bayer verhindern, dass sich Citrus Greening in anderen Regionen wie ein Flächenbrand ausbreitet. In Brasilien arbeitet das Unternehmen deshalb mit dem Erzeugerverband „Fundecitrus“ zusammen: „Wir haben den Aufbau eines Psylliden-Frühwarnsystems unterstützt, um die Populationen im Keim zu ersticken“, erzählt Kai Wirtz, Global Crop Manager Fruit bei Bayer. Die Gefahr einer Neuinfektion sei damit allerdings nicht gebannt: Über verlassene Plantagen oder unbehandelte Bäume in Privatgärten könne sich das Bakterium trotzdem verbreiten.

Unterschied zwischen Fruchtsaftkonzentrat und Direktsaft 

Direktsaft wird sofort nach dem Pressen gefiltert und pasteurisiert, also schonend erhitzt und somit haltbar gemacht. Bei Fruchtsaftkonzentrat entzieht man dem Saft das Wasser und das Aroma. So verdichtet sich der Fruchtsaft auf ein Sechstel seines Volumens.

Aroma und Saft werden getrennt voneinander gelagert und transportiert. Für den Verkauf fügt man beide Komponenten wieder zusammen und verdünnt sie mit aufbereitetem Trinkwasser. Das Verfahren spart enorme Kosten bei Lagerung und Transport.

Deshalb setzt das Life-Science-Unternehmen im Kampf gegen die Psylliden gemeinsam mit den Erzeugerverbänden auf die Wespe Tamarixia radiata, die ihre Eier direkt auf die Nymphen legt (s. Kasten). Außerdem sollen Aufklärungskampagnen Privateigentümer von Gärten informieren, wie sie beim Kampf gegen Citrus Greening mithelfen können. „Wir können die Krankheit in absehbarer Zeit nicht gänzlich ausschalten. Aber ich glaube, wir können sie zurückdrängen“, so Kai Wirtz. „In zehn bis 15 Jahren könnten wir Citrus Greening im Griff haben.“

So sieht die Tamarixia radiata aus.

Ein natürlicher Feind

Die Wespe Tamarixia radiata ist ein natürlicher Feind des Krankheitsüberträgers. Eine einzige weibliche Tamarixia kann bis zu 500 Psyllidennymphen bekämpfen. Sie legt ihre Eier auf die Nymphen und nach dem Ausschlüpfen dringen ihre Larven in diese ein. Mit Unterstützung von Bayer züchtet die niederländische Nützlingsfirma Koppert die Tamarixia-Wespen. Allein in Brasilien werden monatlich 100.000 Insekten freigesetzt.

Worte, die Hoffnung machen und die Orangenbauern wie Dave Evans und Vic Story dazu ermutigen, weiterzukämpfen. Sie wollen ihre Plantagen retten. Damit ihre Söhne und Enkel später auch beim Duft der Orangen ihre große Liebe zu einem ersten Date ausführen können – und der Orangensaft weltweit auch in Zukunft einen Platz auf dem Frühstückstisch findet.

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