• Im Tal der Bienen

    Im Frühjahr kommen die Bienen ins Tal der Obstbauern und sichern eine gute Ernte.

Jedes Jahr im Frühling bekommen die Südtiroler Obstbauern Besuch von den Imkern aus der Region. Dann stellen die Bienenzüchter ihre Stöcke in den Apfelplantagen auf. Von der Zusammenarbeit profitieren beide Seiten: Die Bauern freuen sich über gut bestäubte Apfelblüten – und die Imker über stattliche Völker.

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Bienen und mehr bilden im Frühsommer ein Bienenvolk.

Wenn es im April zwischen seinen Obstbäumen so richtig laut summt, reibt sich Klaus Weissenegger zufrieden die Hände. Dann wandert er zwischen seinen Bäumen umher und beobachtet erfreut die schwarzen Punkte, die um die Apfelblüten schwirren. Er liebt dieses Geräusch. „Je lauter es summt, desto mehr Bienen sind unterwegs“, sagt der 42-Jährige. „Und je mehr Bienen, desto besser meine Ernte.“

Obstbauer Klaus Weisenegger über den Nutzen der Bienen

Genau deshalb sind die fleißigen Tierchen bei dem Obstbauern aus Bozen im Frühjahr mehr als gern gesehene Gäste. Denn in der Blütezeit bestäuben sie eifrig seine Apfelbäume: Während die Bienen Nektar aus den Blüten saugen, bleibt immer etwas Pollenstaub an ihrem Haarkleid hängen. Den tragen sie zur nächsten Blüte – schon ist die Blüte bestäubt und ein Apfel kann heranreifen.

Was Bestäubung angeht, sind die Bienen als Pollentransporteur unübertroffen: „Ich könnte mich ja auch auf den Wind oder andere Fluginsekten verlassen, aber die Äpfel werden nur dann richtig schön rund und groß, wenn auch Bienen die Blüten bestäubt haben“, sagt Weissenegger. „An ihnen bleiben nämlich sehr viele Pollen hängen, und nur wenn viele Fremdpollen auf die Blüte gelangen, reift die Frucht optimal heran.“

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Nektar kann eine Biene transportieren.

Weissenegger weiß, wovon er redet. Schon sein Vater war Obstbauer, als Kind spielte er zwischen den Bäumen, im Sommer naschte er Äpfel. Seit 18 Jahren führt er in Bozen seinen eigenen Betrieb: eine der größten Obstplantagen der Region. Auf 50 Hektar wachsen bei ihm jedes Jahr rund 4.000 Tonnen Äpfel – darunter die beliebtesten Sorten wie Braeburn, Gala und Pink Lady. Seine Heimat eignet sich ideal für den Apfelanbau: Die geschützte Lage inmitten der Alpen mit mildem Klima und geringen Niederschlagsmengen hat Südtirol zum größten geschlossenen Anbaugebiet in der EU werden lassen.

Jedes Jahr im April, wenn seine Bäume wieder blühen, ziehen die Bienen bei Weissenegger ein. Dann rücken Imker mit ihren Völkern an und stellen ihre Bienenstöcke auf seiner Plantage auf. In einem 50-Hektar-Betrieb werden rund 120 Bienenvölker benötigt, um eine gute Bestäubungsleistung zu erhalten. Und das nicht nur bei ihm: In der ganzen Region bringen zur Blütezeit die Imker ihre Völker bei den Bauern vorbei. Von diesem alljährlichen Besuch profitieren beide Seiten: Die Obstbauern können sich über gut bestäubte Blüten freuen – und die Imker über wachsende Völker.

Auch Werner Rungaldier stellt deshalb seine Stöcke im Frühjahr beim Obstbauern auf. Der Hobbyimker arbeitet seit acht Jahren mit Bienen. „In den Plantagen in niedrigen Höhenlagen geht die Apfelblüte schon sehr früh im Jahr los und die Blüten bieten den Arbeiterbienen ein wahres Festmahl an süßem Nektar und proteinreichem Pollenstaub an“, erklärt er. „So können die Arbeiterbienen genügend Pollenstaub sammeln, um damit die Brut im Stock zu versorgen.“

Warum Werner Rungaldier seine Bienen in die Obstplantage bringt

So wachsen Werner Rungaldiers Völker im Frühjahr von rund 10.000 auf mindestens 40.000 Bienen an. Seit Jahren bringt er seine Bienen immer zum gleichen Bauern. „Wir kennen uns gut und pflegen einen engen Kontakt“, sagt er. „Ein solches Vertrauensverhältnis ist sehr wichtig für die Zusammenarbeit.“ Der Grund: Die Obstbauern müssen ihre Bäume mit Fungiziden und Insektiziden besprühen, um sie vor Krankheiten und Schädlingen zu schützen und um eine gute Ernte zu erhalten.

Gesetzliche Bestimmungen

Der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln ist auf Landes- und EU-Ebene streng reglementiert. Das gilt vor allem für Flächen mit Pflanzen, die für Bienen wegen ihrer Blüten attraktiv sind. Bienengefährliche Produkte dürfen in solchen Kulturen nur vor oder nach der Blütezeit ausgebracht werden, nicht während der Blütezeit.

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Zum Schutz der Bienen werden in den betreffenden Kulturen vor der Anwendung bienengefährlicher Mittel auch blühende Unkräuter wie Löwenzahn abgemäht. Als bienenfreundlich eingestufte Mittel können auch während der Blüte ausgebracht werden, wenn eine sorgfältige Risikoabschätzung durch die Umweltbehörden ergeben hat, dass keine Gefahr für Bienen besteht.

Doch manche dieser Mittel sind gefährlich für Bienen. Die Bauern dürfen sie deshalb nur außerhalb der Blütezeit einsetzen. Jedes Jahr legt der Südtiroler Beratungsring aufs Neue die Stichtage für die Blütezeit fest – und die variieren je nach Apfelsorte und Höhenlage. Halten sich die Bauern jedoch nicht an die Vorgaben, können die Pflanzenschutzmittel den Bienen gesundheitlich schaden und die Völker schwächen.

„Dank konsequenter Forschung gibt es heutzutage gute Mittel, die für Bienen ungefährlich sind, und die können die Bauern auch während der Blütezeit einsetzen“, erklärt Rungaldier. Der Hobbyimker arbeitet hauptberuflich bei Bayer CropScience in Bozen und entwickelt dort als Versuchstechniker Pflanzenschutzmittel für den Obst- und Weinanbau. Er ist sich sicher: „Wenn sich die Obstbauern beim Einsatz der Pflanzenschutzprodukte strikt an die gesetzlichen Regeln halten, besteht für die Bienenvölker dadurch keine Gefahr.“

Neonikotinoide in der Diskussion

Als Neonikotinoide wird eine Gruppe von hochwirksamen Insektiziden bezeichnet, die meistens als Beizmittel für die Saatgutbehandlung, aber auch für die Blattbehandlung eingesetzt werden. In den vergangenen Jahren waren sie immer wieder als eine mögliche Ursache für vereinzelt auftretende Bienenverluste im Gespräch. Zahlreiche Studien zu dem Thema konnten einen Zusammenhang allerdings nicht belegen.

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So überwachte das Deutsche Bienenmonitoring seit dem Jahr 2004 mehr als 1.000 Bienenvölker in ganz Deutschland intensiv und untersuchte dabei alle Faktoren, die sich auf die Gesundheit der Insekten auswirken können. Die Resultate belegen klar: Es besteht keine Korrelation zwischen gefundenen Pestizidrückständen in Bienenstöcken und dem Tod von Bienenvölkern. Es konnten nur sehr wenige und sehr geringe Neonikotinoid-Rückstände gefunden werden.

Ebenso wenig konnte einen Zusammenhang zwischen Völkersterben und den flächenhaft mit Neonikotinoiden behandelten Kulturen wie Raps festgestellt werden. Zu ähnlichen Ergebnissen kommen vergleichbare Monitoring-Projekte im Ausland.

Völlig auf Pflanzenschutz zu verzichten, ist für die Obstbauern in Südtirol nicht möglich. Denn immer wieder machen den Landwirten Pflanzenkrankheiten zu schaffen. Das größte Problem bereitet der Besenwuchs, der immense Ernteausfälle von bis zu 30 Prozent anrichtet. Bei dieser Krankheit übertragen Blattsauger tückische Bakterien, die den Bäumen stark zusetzen. „Zwei von drei Wirkstoffen, die den Blattsauger bekämpfen, sind bienengefährlich“, sagt Weissenegger. „Da hat man dann keine große Wahl.“

Bei einem Besenwuchsbefall müsse der Bauer also abwägen: „Bei vereinzelten kranken Bäumen kann er diese fällen.“ Wenn der Bauer allerdings Insektizide einsetze, müsse er für diese Saison auf den Besuch der Bienen verzichten. Klaus Weissenegger ist bisher vom Besenwuchs verschont geblieben. Bei ihm summen auch in diesem April abertausende Bienen um seine Bäume herum. Und wenn er dieses Geräusch hört, kann er sich nicht mal über ein oder zwei Bienenstiche ärgern.